"'Isabella hat mir von ihrem Bett aus geschrieben,' fuhr Louise in ihren Neuigkeiten fort; 'sie ist gestürzt und hat sich schwer verletzt.'

"'Ist sie nicht die Gattin des Mannes, den du zuerst heirathen solltest?'

"'Ja gewiß. Das war meine erste Erfahrung! Ich hatte mit diesem Gedanken die Kinderstube verlassen; er war schön und reich, er sprach von Liebe und ich war glücklich. Da erfahre ich eines Tages, daß er sich mit Isabella verlobt hat, sie konnte ihm ihre Mitgift baar auf den Tisch zählen, ich hatte erst nach meines Vaters Tod eigenes Vermögen zu erwarten. Kurz nachher wohnte ich seiner Heirat bei, dann hat er mir auf die niedrigste Weise den Hof gemacht, und du verlangst, daß ich die Männer achte, daß ich sie bemitleide und schone — sie verdienen kaum, daß man sich über sie lustig macht; auch ist es nicht meine Schuld, wenn sie sich nicht an mir rächen. Ah, wie ich die Rache liebe!'

"Ich stand auf.

"'Hier, Kind, sind noch zwanzig Thaler für deine Armen. Werden wir ihre Schuld bald bezahlt haben?'

"'Noch dreißig Thaler und sie sind sorgenfrei.'

"'Die bettele ich heute Abend bei Hof zusammen!'

"Der Hof war vollzählig erschienen. Louise kam als Letzte: ihre Schönheit war die einer Sultanin, ein bunter Turban hob ihre regelmäßigen Züge, ihre schönen schwarzen Haare glänzten auf dem tadellosen Teint, den das Licht noch strahlender machte, prachtvolle rothe Seide floß in schweren Falten um sie, es war ein Bild, auf das die Natur stolz sein könnte, wenn die Coquetterie nicht die Natur betrogen hätte. Die Männer umgaben sie, sie entwickelte all ihren Geist, all ihren Witz, all das Feuer ihrer Blicke, und ich sah mit tiefster Traurigkeit dieses glänzende Arsenal der schönsten Fähigkeiten zu einem Feuerwerk verpufft. Nichts mahnte an die Blässe und Traurigkeit dieses Morgens, sie lachte, sprach und sah mit ihrem durchdringenden Blick, hörte mit ihrem feinen Ohr Alles, was in vier Sälen gethan und gesagt wurde.

"Der Großherzog näherte sich in all seiner tadellosen Höflichkeit. Nach einigen einleitenden Liebenswürdigkeiten begann Louise eine jammervolle Armengeschichte zu erzählen von Kindern, die auf dem Ofen schliefen, um nicht zu erfrieren, von Eltern, die ihnen Kartoffelschale als Delikatesse vorsetzten usw., das sah der Wirklichkeit nicht ähnlich, und doch war diese Wirklichkeit schon traurig genug! Louise brachte mir triumphierend zwei Louisd'or. 'Ich danke dir sehr,' sagte ich; 'aber ich erkläre dir, daß, wenn der Großherzog mich nach der Sachlage fragt, ich deine Märchen nicht unterstützen kann und von deinen Armen nichts wissen werde, denn ich weiß wirklich nichts von ihnen.' Sie lachte und fuhr fort, mit mehr oder weniger Erfolg ihre Geschichte zu erzählen.

"Später traf ich sie noch einmal, und sie erwähnte wieder ihrer Freundin, Frau von Y.: 'Im Grunde ist sie eigentlich ein kleines, mageres, törichtes Ding, das sich gehen läßt, obwohl dein deutsch-sentimentales Mitleid für den Gatten mir auch nicht angebracht scheint. Auf eine Heldenthat in ihrem Leben ist sie sehr stolz, hat sie doch eigenhändig einen Pflasterstein aufgehoben, um ihn auf die unglücklichen Soldaten zu schleudern, die sich für diesen verrückten Karl X. massacriren ließen! Das ist gerade keine edle Handlung, und von einer Frau ausgeführt, wird sie gemein; auch habe ich ihr einmal gründlich meine Meinung gesagt. Ich sprach bewundernd von England, und von dem, was dort besser sei als bei uns, sie glaubte sich als Patriotin zeigen zu müssen, und plötzlich höre ich eine spitze Stimme, die mir zuruft: Sie haben wohl nicht das Glück, Französin zu sein? — O doch, gnädige Frau, ich bin sogar im Herzen von Paris geboren, ohne jemals sein Pflaster zu beschädigen.'