"Alles lachte; ich schlich beiseite. Hatte sie doch diesen Morgen erst in den höchsten Ausdrücken der Bewunderung von derselben Frau gesprochen! Mich widerte es an, zu sehen, wie all ihre Geistesgaben der Frivolität geopfert wurden; meine Liebe zu ihr tat mir weh, und doch habe ich sie mir nie aus dem Herzen reißen können.

"Sie hatte genug Verstand, um über Alles zu plaudern, sie fand stets die passendste Antwort, um selbst Klügere zu verwirren, sie hatte Beobachtungstalent, um ihren Märchen den Schein der Wahrheit zu geben, sie beherrschte die Sprache, um die Abenteuer ihrer Freunde geschickt erzählen zu können, sie hatte die Herzen der großen Welt durchschaut, um mit Effect Sentenzen à la Rochefoucauld auszusprechen, sie kannte Hingebung und Opferfreudigkeit, um sie von anderen zu verlangen, sie interessirte sich für Alles, um über Alles zu schwatzen. Sie war die Weltfrau, die Pariserin, die schöne Frau, das Kind der Eitelkeit und der Schmeichelei und hätte der Stolz ihres Geschlechts, der Engel der Tugend, die echte Frau sein können, die ohne zusammenzubrechen eine Welt voll Kummer trägt, die liebt, leidet, tröstet und die Sprache der Menschlichkeit hört und versteht."

Louise Vaudreuil war stets von Bewunderern umgeben; Prinz Friedrich Schwarzenberg, der einst viel genannte Verfasser der Memoiren eines Landsknechts, war einer ihrer treuesten. Während einer Badereise, als Jenny das kleine Töchterchen Louisens in ihre Obhut genommen hatte, schrieb ihr Graf Vaudreuil: "Louise hat viele Verehrer, Prinz Schwarzenberg und Prinz Kotschubey vor allem. Ich liebe diese Mehrzahl, denn nur die Einzahl fordert die böse Nachrede heraus. Übrigens hat bisher weder die Einzahl noch die Mehrzahl mein Vertrauen in eine Frau zu erschüttern vermocht, die Herz und Geist besitzt, und die weiß, daß ein guter Gatte, den man liebt, einem Goldbarren gleicht, den nur der Wahnsinn gegen die kleine Münze der Bewunderer eintauschen wird." In demselben Briefe heißt es: "Vom Tode des Herzogs von Reichstadt haben Sie gewiß erfahren. Was ich bei dem Erlöschen der napoleonischen Race empfinde, werden Sie am besten verstehen, denn trotz Ihrer Betonung Ihres Deutschtums haben wir uns in der staunenden Bewunderung für einen der größten der Menschen immer gefunden." Jenny antwortete darauf: "Mir erscheint Napoleon als eines jener gewaltigen Werkzeuge der Allmacht, die zuweilen nothwendig sind, um das unterste zu oberst zu schütteln, damit der von Jahrhunderten aufgehäufte Staub und Moder davon fliegen und die Erde für neues Blühen bereiten kann. Auch wie ein großer Pflug ist er, der sie aufrührt, der welke Pflanzen, die das neue Leben hindern wollte, in Dünger verwandelt und unterirdisches Gewürm tötet. Nur schade, daß die Arbeit diesmal so wenig vorhielt: mir scheint, als täte uns jetzt schon ein neuer Pflug noth, und ich würde ihn herbeisehnen, wenn nicht mein Herz von Grauen erfüllt wäre vor allem Blut — auch vor dem des Gewürms, das ja nichts dafür kann, daß die Natur es zu dem machte, was es ist." Ein merkwürdiges Urteil für ein einund zwanzigjähriges Mädchen. Vielleicht war es doch der unbewußte Einfluß des Blutes, der sie also empfinden ließ und dadurch noch unterstützt wurde, daß ihr nicht die deutsche, sondern die französische Sprache Gedankensprache war: Sie dachte in ihr, wie sie hauptsächlich in ihr schrieb. Es war ja auch ihre Muttersprache: Diana, die Elsässerin, sprach nach wie vor fast ausschließlich französisch, und am Hofe herrschte seit dem Tode Karl Augusts die französische Sprache um so mehr, als sie für die Großherzogin Maria Paulowna, die geborene russische Großfürstin, die gewohnte war.

Seit 1829 war Jenny als Hofdame in deren Dienste getreten. Durch ihre Freundschaft mit den Prinzessinnen, vor allem mit Augusta, wurde sie jedoch stets mehr als ein Kind des Hauses, wie als Mitglied des Hofstaates angesehen. Das zeigte sich auch in der geschwisterlichen Beziehung, die sich zwischen ihr und dem um sieben Jahre jüngeren Erbgroßherzog Karl Alexander entwickelte. Sie wurde seine Vertraute, der seine Bewunderung galt, und wenn er ihr als Sechzehnjähriger, ähnlich wie Wolf Goethe, eine schüchtern-poetische Knabenliebe widmete, so war das nur eine weitere Grundlage für die lebenslange Freundschaft.

Zu Maria Paulowna sah Jenny, die sie in ihrem Sein und Wirken täglich beobachten konnte, in ehrfürchtiger Liebe empor: "Sie war für sich selbst," so schrieb sie, "demüthig und anspruchslos: ihr ganzes Leben, Wirken und Sein gipfelte in der fürstlichen Pflicht des Beglückens. Sie übte die größte Strenge gegen sich; jede Stunde ihrer bis zur Ermüdung ausgefüllten Tage hatte eine Wohlthat oder eine Pflicht zum Ziel. Sie stand sehr früh auf, und wenn dann die letzte Pflicht des Tages, die Hofgeselligkeit, an sie herantrat, war es denen, die das Glück hatten, ihr nahe zu stehen, rührend, wie oft die Müdigkeit des Körpers sie zu ihrem eigenen Schrecken übermannte. Nie klagte die russische Großfürstin über die kleinen Verhältnisse Weimars; sie sprach es aus, wie das schöne Wort Schillers bei ihrem ersten Einzuge in Weimar sich ihr als Lebensregel eingeprägt habe: 'Wisse, ein erhabener Sinn legt das Große in das Leben, aber sucht es nicht darin.'

"Weimars geistiges Leben, das versicherte sie oft, ersetze ihr vollkommen den Glanz des russischen Hofes, darum unterstützte sie es auch und förderte es, wo sie konnte. Dabei war ihr Goethes Urtheil stets maßgebend; wie oft ließ sie einen Wunsch fallen, weil Goethe nicht damit einverstanden war, wie ergreifend war ihr Schmerz bei seinem Tode, wie treu blieb sie seinem Geiste. Die Wohltaten, die sie öffentlich und noch mehr im geheimen that, die durchdachten praktischen Pläne zu Erziehungsanstalten und Krankenhäusern, welche alle zur Ausführung kamen, das alles zeugt für ihr tiefes Erfassen des Berufs einer Landesmutter. Trotzdem hatte sie stets noch Zeit und Lust zu geselliger Unterhaltung, aber eine unüberwindliche Abneigung gegen das gewöhnliche Hofceremoniell mit seiner öden Langenweile. Deshalb löste sie gern diese drückenden Fesseln und wünschte ihre Umgebung, wie ihre Gäste, in freier körperlicher und geistiger Bewegung zu sehen. Auch den Fremdesten wandelte sie nach und nach, ihm selbst unmerklich, zum natürlichen Menschen um, dem sie die Maske leise abnahm, ohne welche die meisten nicht glauben, bei Hofe erscheinen zu können. Ebenso unmerklich bestimmte sie auch die Grenzen des freiheitlichen Umgangs, und schwer verzieh sie es, wenn sie überschritten wurden.

"Die Sommer in Wilhelmsthal sind mir in freundlichster Erinnerung geblieben. Dort in der herrlichen Luft und reizenden Umgebung schien alles Unnatürliche von selbst von uns abzufallen. Wir vergnügten uns mit heiteren Spielen, besonders das Federballwerfen war sehr beliebt, machten Spaziergänge, lasen und schrieben entweder im Schatten der schönen alten Bäume oder in unseren einfach-ländlichen Stübchen. Dabei kamen so mancherlei Phantasien, Gedanken und Verse zu Papier, die nicht unser Geheimnis blieben, denn die liebe Groß fürstin interessierte sich lebhaft für jedes Glied ihres Hofstaats und hörte mit gütiger Nachsicht, aber auch mit scharfem Urtheil der Vorlesung unserer Schreibereien zu. Nach und nach wurden die dilettantisch-literarischen Abende zur Gewohnheit, sie waren eine angenehme Unterhaltung für die jüngere Hofgesellschaft und den damaligen Erbgroßherzog, der auch, wie wir, Beiträge dazu lieferte. Es gab nur noch wenige, die sich der Zeiten des 'Tiefurter Journals' erinnerten und das 'Wilhelmsthaler Journal' für eine recht schwache Copie desselben halten konnten; näher lag der Gedanke an das mit Goethe zu Grabe getragene 'Chaos' oder an die literarischen Abende, die während des Aufenthalts in Weimar eine große Anzahl bedeutender Gelehrter bei Hof versammelten. Wir hörten Vorträge von Humboldt, Schleiden, Apelt, Froriep, Schorn, Schöll und vielen anderen, die uns weit mehr bildeten, als es dicke Bücher gethan hätten.[76] Dabei gewöhnten wir uns daran, das Gelernte aufzuschreiben, was auch in Wilhelmsthal fortgesetzt wurde, sobald Interessantes uns auffiel. Die Anregung zu diesem geistigen Leben ging von Maria Paulowna aus; sie wußte, daß darin Weimars Größe lag und immer liegen würde, deshalb erzog sie auch ihre Kinder in diesem Gedanken und hob uns in ihre Atmosphäre, die allem Kleinlichen fern war, die eine belebende Kraft ausströmte."

Wenn kindliche Verehrung, wie hier, mit zu lichten Farben malt, so ist das immer begreiflich gefunden worden, aber man pflegt im Urteil ungerecht zu werden, wenn der Freund auch beim Freunde die Schatten vergißt. Und doch ist gerade das am natürlichsten. Je näher wir einen Menschen kennen, je mehr uns jede Stufe seiner Entwicklung vertraut ist, desto mehr verstehen wir seine Natur, und die Fehler erscheinen uns nicht wie dem Außenstehenden als etwas selbständig Verdammenswertes, sondern als die Bedingungen oder Ausartungen ihrer Tugenden. Wir gewinnen sie beinahe lieb, wie jene. So sah Jenny ihre Freunde an, und ihre Schilderungen ihres Wesens sind dann immer besonders schwer zu verstehen, wenn es sich um Persönlichkeiten handelt, die der Geschichte angehören und der Kritik aller unterliegen, die je nach der Gesinnung und dem politischen Standpunkt eine andere sein wird. Das gilt vor allem von Augusta, der späteren deutschen Kaiserin, der sich Jenny mit jener treuesten Freundschaft verbunden fühlte, von der es heißt:

Laß adlermutig deine Liebe schweifen
Bis dicht an die Unmöglichkeit heran;
Kannst du des Freundes Tun nicht mehr begreifen,
So fängt der Freundschaft frommer Glaube an.

Aus der Jugendzeit, die sie zusammen verlebten, erzählt sie folgendes von ihr: