"Früh schon entwickelte sich in ihr jene weiblichste Tugend, das Mitleid, die sich aber nie in Klagen und Thränen äußerte, sondern, geleitet von der Mutter, zur praktischen Thatkraft wurde. Wir besuchten oft zusammen unsere Armen und mußten daher nicht selten hören, daß wir im Gefühlsübermaß zu viel gethan hatten oder ihnen statt Arbeit, Kleidung und Nahrung, Geld gegeben hatten, das nur zu bald wieder ausgegeben war und zur Trägheit führte, während Anleitung zur Selbsthilfe die beste Armengabe ist."

Als Prinz Karl und Prinz Wilhelm von Preußen an den Weimarer Hof kamen, wußte jeder, daß sie um die Hand der Prinzessinnen Marie und Augusta werben wollten. "Merkwürdig schnell," so schreibt Jenny, "faßte Prinzeß Augusta Vertrauen zu Prinz Wilhelm, dessen Güte und Liebenswürdigkeit uns sehr gefiel, dessen militärische Straffheit uns, denen der preußische Drill etwas ganz Fremdes war, sehr imponierte. Langsam, aber stetig zunehmend, entwickelte sich bei der Prinzeß eine tiefe Neigung zu ihm. Sie sprach nicht davon, ihr Stolz verbot ihr, die Unterwerfung ihres ganzen Wesens unter einen Mann einzugestehen, von dem sie wußte, daß er ihr jetzt nur Freundschaft entgegenbrachte. Man hatte ihr diensteifrig seine Herzensgeschichte zugetragen, ihr auch nicht verhehlt, welch ausgezeichnetes Mädchen deren Heldin war. So stand es um sie, als ihre Schwester sich vermählte. Heiter und glänzend waren die Feste dieser zu Ehren, wehmütig der Abschied. Sie schenkte mir noch zuletzt ein Album, in das sie folgende Worte geschrieben hatte:

This above all, to thine own self be true,
And it must follow, as the night the day,
Thou canst not then be false to any man.

Votre souvenir est toujours là!

Marie

"Fast zwei Jahre vergingen, ehe Prinz Wilhelm die zur vollendeten Schönheit erblühte Prinzeß Augusta heimholte. Sie hatte ihn treu im Herzen getragen, wie sie jedem Treue bewahrte, den sie einmal lieb gewann. Er war und blieb die einzige große Leidenschaft ihres Lebens, die sie zu schöner Weiblichkeit entwickelte und alle Härten ihres Wesens abschliff.

"In meinem Album finden sich diese Zeilen von ihr:

Doux lieux où l'amitié vint charmer mon enfance
Il faut, hélas, vous fuir,
Mais vous viendrez me consoler mon absence
Par un doux souvenir!

Otez l'amitié de la vie,
Ce qui reste de biens est peu digne d'envie,
On n'en jouit qu'autant qu'on peut les partager;
Désir de tous les cœurs, plaisir de tous les âges,
Trésor du malheureux, divinité des sages,
L'amitié vient du ciel habiter ici bas,
Elle embellit la vie et survit aus trépas!

Weimar, 3. 6. 29.