Die Ratschläge, die sie hier anderen erteilte, hatte sie selbst befolgt und erprobt. Für sie gab es jenen Widerspruch nicht, durch den wertvolle Menschenkräfte der Wirkung auf die Allgemeinheit so oft entzogen werden, jenen Widerspruch zwischen einem bis in seine letzten Konsequenzen verfolgten Individualismus, der sich die Ausbildung des eigenen Ich zum Ziele setzt, und dem sozialen Altruismus, der im Wirken für andere seine Aufgabe sieht. Verfolgen wir Jenny in ihrer Selbsterziehung, die sie so früh schon zu einer harmonischen Persönlichkeit machte, so dürfen wir freilich nicht aus dem Auge lassen, unter welchen günstigen äußeren Bedingungen sie aufwuchs: Nur an den großen Schmerzen und Kämpfen des Herzens und des Geistes entwickelte sich ihre Kraft; jene quälenden, zehrenden Nöte des Lebens, die Sorgen ums tägliche Brot, die schon im Kinde, das der Angst der Eltern zusieht, die besten Keime ersticken können, kannte sie nicht. Noch andere Ursachen aber mußten zusammenwirken, um sie zu dem werden zu lassen, was sie war. Ein Durchschnittsmensch wird weder durch den Reichtum geistiger Anregungen, der ihm zuströmte, noch durch die bittere Erfahrung getäuschter Liebeshoffnungen, die ihm zuteil wurde, solcher Entwicklung teilhaftig werden. Lebt doch so mancher inmitten geistigen Überflusses und bleibt selbst blutarm, und anderen begegnet ein großes Geschick, um, wie es scheint, nur ihre Kleinheit durch den Vergleich besonders scharf hervorzuheben. Jennys Natur dagegen war ein fruchtbarer Boden, dessen Atem nach dem Gewittersturm doppelt erquickend ist, weil er den ganzen Reichtum der Früchte ahnen läßt, den er hervorbringen wird. Ihre natürliche Anlage war es, die sie befähigte, aus allem — dem Guten und dem Bösen, den Menschen und den Büchern — den für das Wachstum ihres Geistes und für die Bereicherung ihres Herzens nötigen Nährstoff zu saugen.

So wenig sie über sich selbst geschrieben hat — im Unterschied zu der Mehrzahl der Memoirenschreiber, bei denen die Lebens- und Seelenanalyse der eigenen Person stets im Vordergrund steht — so läßt sich die Bedeutung dieser Seite ihres Wesens für ihre Entwicklung ziemlich genau nachweisen. "Sage mir, mit wem du umgehst, und ich will dir sagen, wer du bist", das gilt für die lebendigen wie für die toten Freunde — die Bücher.

In ihrem oben zitierten Brief legt Jenny ihnen im Hinblick auf die Selbsterziehung die größte Bedeutung bei. Die Lektüre war für sie nicht eine Ausfüllung müßiger Stunden, und danach richtete sich auch ihre Auswahl. Mit Hilfe der schöngebundenen, mit zierlicher Goldpressung versehenen, von anmutigen Bronzeschließen zusammengehaltenen Quartbände, die Jenny mit Auszügen füllte, läßt sich nicht nur verfolgen, was sie las, sondern auch wie sie gelesen hat. Da sind Seiten und Seiten mit Auszügen aus Byrons, Scotts und Shelleys Werken gefüllt. Aber bald darauf zeigt sich schon, daß die Beschäftigung mit den englischen Dichtern sie zu England selbst geführt hat: Auszüge aus historischen und kulturhistorischen Werken folgen, denn mit jenem Feuereifer, den sie bei allem entwickelte, was sie ergriff, studierte sie englische Geschichte. Ihr Interesse und ihre Sympathie für England, für seine demokratische Verfassung, seine Art der Erziehung, der Armenpflege, der sozialen Gesetzgebung wurden dadurch geweckt und blieben dauernd lebendig; die politische Überzeugung ihrer späteren Jahre wurzelte in diesen Jugendeindrücken.

Von den deutschen Dichtern steht Goethe, was die Häufigkeit und den Umfang der Auszüge betrifft, an erster Stelle, Schiller findet sich seltener, dagegen Jean Paul um so häufiger; selbst Zacharias Werner, der wie seine Freundin Schardt katholisch geworden war und dessen "Kreuz an der Ostsee" viel gelesen wurde, erscheint neben den Klassikern. Sehr früh schon — ein Zeichen für das persönliche künstlerische Empfinden Jennys, das Schönes selbständig zu finden wußte — wird Grillparzer und Heinrich Heine zitiert. Einen weit größeren Raum aber als Poesien nahmen Prosastellen ein. Goethe erscheint wieder als der Bevorzugte, auch die Briefwechsel mit seinen Freunden, die Schriften, die über ihn erschienen, verfolgte sie genau. Zuweilen werden auch die Eindrücke, die die Bücher hervorriefen, kurz festgehalten. So schrieb sie über Goethes Briefe an Lavater:

"Für das große Publikum sind vielleicht diese Briefe von keinem großen Interesse, für das deutsche Publikum aber von dem allergrößten, denn wenn auch die eigentlich bedeutenden und kräftigen Gedanken in zehn Seiten zusammengefaßt werden können, so läuft doch durch jede Zeile die jugendlich wirksame, strebende Kraft, welche unsere Litteratur und Sprache gewaltsam aus dem Schlummer der Zeiten zu herrlichem Leben rief. Der Riesengeist, der sich fühlt, das Jünglingsherz, das sich innig an- und aufschließt, die reife Männerseele mit der großartigen Toleranz und dem sicheren Adlerblick, der planende Kopf, der die Zukunft mit Schönem bevölkert, der feine, satirische Witz, der den Mephisto schuf — es liegt Alles skizzirt in nicht zweihundert kleinen Seiten. Und dann welches Leben und Regen, welches geistige Zusammenleben, welcher Frühlingshauch von Luft und Frische! Es kam mir vor, als ob ich unter Gräbern wandle, und auf einmal zöge sich vor mir ein Vorhang auf, und Karl August, Herder, Wieland, Lavater, Jacobi etc. etc. ständen lebendig vor mir.

"Es war nur Traum, denn bloß Knebel ist noch nicht hinter den großen, dichten, räthselhaften Vorhang getreten!"

Und über Schillers Leben von Frau von Wolzogen:

"So, ganz so, wie sie ihn schildert, stand Schillers Bild seit meiner frühesten Jugend vor meiner Seele, so rein, so groß, so erhaben über alles Kleinliche schwebte mir sein edler Geist vor, und in jeder Zeile fand ich eine Ahnung meines Herzens in schönste Wirklichkeit getreten!

"Mir fällt dabei ein, was Goethe zu Ottilie sagte, als sie meinte, Schiller langweile sie oft: 'Ihr seid viel zu armselig und irdisch für ihn!'"

Herder, Schleiermacher, Schelling, Jean Paul sind weiter viele Seiten gewidmet, und wenn wir ihren Inhalt prüfen, ihn mit den französischen Abschriften aus Chateaubriands und Lamartines Werken zusammenstellen, so geht die Neigung Jennys zu religiöser Vertiefung, ihre Sehnsucht nach einem festen Gottes- und Unsterblichkeitsglauben deutlich daraus hervor. Von jener Zeit sprechend, heißt es in einem ihrer Briefe an mich: "Als ich zwanzig Jahre alt war, schrieb ich mein Glaubensbekenntniß, das also begann: Ich verehre den Gott, den Pythagoras verehrte," und in einem anderen: "Mein Verstand befand sich mit meinem Gefühl dauernd im Streit; Beide thaten einander weh wie bittere Feinde."