"Doch ich sehe voraus, daß mein Predigen, mein Klagen und Fabeln die Faden Ihrer Geduld fast ganz zerrissen hat; zunächst den, welchen Sie meinem Alter gewährten, wie meinem Geschlecht und meiner Freundschaft; so halte ich mich nur noch an dem einen starken Faden Ihrer Güte, wenn dieser mich nicht aus dem Abgrund der Ungnade emporzieht, bleibt mir keine andere Hilfe und ich verliere die Hoffnung, mich ferner nennen zu dürfen

Ihre ganz ergebene

Schwätzerin vom Walde."

Der zweite Brief war auch an einen jungen Freund gerichtet:

" Denken — —. Unter zehn Menschen können nicht zwei denken, und ein richtiger, wahrer Denker findet sich noch unter tausend nicht — und ich sage tausend Deutsche — die denkendste unter allen Nationen. Denken — die meisten Menschen haben noch keinen Begriff, was dieses Wort in sich faßt — alle Fähigkeiten des Geistes auf einen Gegenstand heften, ihn durchdringen, ihn von allen Seiten beleuchten, ihn dem Für und Wider des Scharfsinns wie einer Wasser- und Feuerprobe unterwerfen — ihn durch anderer Menschen Weisheit behutsam durchsichten und dabei recht Acht haben, daß uns nichts Falsches imponiere, nichts nur Liebliches irre leite, daß nichts Äußerliches uns unterjoche — die Vernunft als Mentor nie aus dem Auge lassen — dann das Herz reinigen von Nebenabsichten und in letzter Instanz an das Gefühl als Bestätiger appellieren — dies ist, meines Erachtens, der Prozeß des guten und nützlichen Denkens.

"Zuerst sei unser Denken auf uns selbst gerichtet — wir sind das wichtigste Studium für uns selbst. Haben wir schon einen Charakter oder nur die Fähigkeiten dazu? d. h. ist unser Inneres mit bestimmten Strichen gezeichnet und hingestellt — oder ist es noch ein Chaos, in dem sich die Elemente kreuzen, stoßen, verwirren? Wissen wir schon, was aus uns werden kann und muß? oder haben wir von der Wiege an Tag für Tag hingespielt und genießend oder leidend hinweggelebt? Haben wir einen Lebenszweck? Stehen wir und unsere Bestimmung als Ganzes vor uns? Sind wir Arbeiter oder Müßiggänger im Weinberge des Herrn? — Was haben wir gethan, seitdem wir von der Welt etwas wissen? was haben wir in unserem Beruf geleistet? was haben wir vor allem an uns selbst hervorgebracht? welche Fähigkeit entwickelt, welche Fehler zurückgeworfen, welche Tugend gekräftigt? Haben wir uns ein Bild gemacht von uns selbst, was wir erreichen können, haben wir danach gestrebt, es einst in höchster menschlicher Vollkommenheit darzustellen? — und dürfen wir ohne zu erröthen uns selbst im Innersten der Seele beschauen? Und wenn nein auf alle diese Fragen erfolgte, und wenn wir noch nichts gedacht, erreicht, begonnen oder erstrebt hätten — nun denn frisch ans Werk — es ist immer Zeit; aber klar und stark und muthig muß man daran. Wehe dem, der sich nicht herausraffen kann aus der schlaffen Sinnesexistenz, wehe dem, der seine Kräfte versauern läßt im Kochtiegel des täglichen Wasser- und Brodlebens, er wird auch an das Lebensziel angeschlendert kommen, d. h. er wird gegessen, getrunken, geschlafen haben und dann gestorben sein, aber er weiß nichts von neuen blühenden Gefilden im innersten Sein, er weiß nichts von den reichen Fruchtgärten der Wissenschaft, er weiß nichts von dem edeln Selbstgefühl, das zu Gott aufsieht und sagt: Herr, ich war ein Kind, und vor dir und durch dich bin ich zum Manne geworden; Herr, ich war arm, und vor dir und durch dich bin ich reich geworden; Herr, ich klebte an der Erde und war erdrückt von ihren Sorgen und ihrem kleinen Treiben und ihren elenden Interessen, und vor dir und durch dich habe ich mich emporgeschwungen und kenne eine höhere Heimath und ein höheres Ziel! Wie ruhig schaut der irdisch vollendete Mensch auf die Ewigkeit; und wäre sie nicht, und täuschte uns die eigene Seele über eine Zukunft ihres Lebens, doch hätten wir auch hier schon schöneren Gewinn, denn so eng ist die Tugend und das Recht in der Sphäre unserer irdischen Laufbahn mit der höheren Tugend, die nur auf die Ewigkeit ihre Kreditbriefe zieht, verschwistert, daß der Mensch, der in sich hoch steht, schon einen erhöhten Standpunkt im Kreise der menschlichen Gesellschaft einnimmt, und er wird ihm instinktmäßig von seinen Mitmenschen ohne Gesetz und ohne Zwang eingeräumt. Dieselbe Weisheit, die seine eigene Seele erzieht, dieselbe Vernunft, die seinem Herzen Gesetze giebt, thut sich auch kund in den Handlungen, die er in die äußere Welt hinausschickt, so wird ohne sein Zuthun, ohne weltliches Interesse sein Wirkungs kreis erweitert, weil er in stetem Verkehr mit seiner Vernunft ist, werden auch seine bloß weltlichen Handlungen vernünftig sein. Weil er denken gelernt hat, wird er auch die täglichen Lebensereignisse besser durchdenken und leiten können als sein nicht denkender Bruder, und so dient ihm zum irdischen weltlichen Wirken das erstrebte Große in seiner Brust. Dem Nebenabsichtslosen vertrauen die Menschen, den eisern Tugendhaften suchen sie sich zur Stütze, dem Wahren glauben sie, dem Edlen unterwerfen sie sich; hat also der Mensch sich selbst bemeistert, erkannt und gebildet, so fällt ihm von selbst die Herrschaft über andere zu, und nun kann er sein Leben ausfüllen, nun kann er Gutes stiften, nun kann er jeden Tag einen Kranz des treuen, guten Wirkens auf den Altar seines Gottes legen — da ist das Leben nicht mehr leer, öde und wüst und langweilig, da braucht man des Frivolen nicht mehr, um die schöne heilige Zeit zu tödten, sie zieht nicht mehr zürnend, rächend, strafend vorüber, sie schüttet freundlich ihr Füllhorn aus vor unsere Füße, und jede Stunde winkt gern ihrer Schwerer, daß sie uns neue Gaben spende. Dann erst sehen wir mit tiefem, wahrem Jammer hin auf die armen Menschen, die so gar nichts vom eigentlichen Leben wissen, und wir möchten sie herbeirufen und heranziehen und ihnen die Schätze in ihrer eigenen Seele zeigen, und ihnen begreiflich machen, daß sie die Tasche voll Dukaten haben und sich mit Zahlpfennigen herumplagen. Wohl dem, der dieser Stimme folgt und nicht blind ist seinem eigenen Heile, der nicht, wie Mummius in Athen und Korinth, sein reichliches Mahl verzehrt und den Beutel mit schlechten Drachmen füllt, während die schönsten Werke des Alterthums unbeachtet oder verstümmelt oder mit roher Gleichgültigkeit auf den Straßen gelassen oder auf die Schiffe als Ballast gepackt wurden.

"Was oft den ersten Schritt hindert auf dem Wege der Selbsterkenntnis und der Veredelung, ist ein gewisses Ungeschick im, ich möchte sagen, Mechanischen des Werkes, man weiß die Art, die Stunde, die Gelegenheit nicht; aber Gelegenheit ist der erste Gedanke und Entschluß, jede Stunde ist gut, und die Art verlangt nur Beharrlichkeit, Geduld und Klarheit. Man setzt sich hin und beschaut seine Seele wie einen fremden Gegenstand, man macht sich eine Liste der Fehler, der guten Eigenschaften, der Schwächen, der Fähigkeiten, die man hat. Ist man heftig und aufbrausend, so muß dieser Fehler ganz gemildert werden — das thut die Vernunft, wenn man ihr ununterbrochene Wache gebietet —, und ist er gemildert, so muß von seinem Feuer so viel Kraft übrig bleiben, daß es unsere Thätigkeit aufregt und uns frischen Enthusiasmus für das Gute giebt; ist man neidisch, so muß dieser Fehler total weg, davon kann kein gutes Hälmchen kommen, er muß mit der Wurzel heraus — zu diesem braucht man nicht allein Vernunft, sondern auch Gefühl; da muß die Nächstenliebe eingreifen und gestärkt werden und mit ununterbrochener Sorge wachen, daß der häßliche Gast unter keiner Form und keiner Maske sich einschleiche. Ist man faul, so muß dieser Fehler total weg, denn nichts Gutes gedeiht dabei; dazu gehört nur Consequenz und eine unerbittliche Disziplin über den Fehler; man muß sich vorschreiben wie einem Kinde, was an jedem Tage gethan werden soll, und dieses muß ohne einen Erlaß Monde und Jahre durchgeführt werden. Ist man leichtsinnig, so muß der Ernst herausgebildet werden, dazu ist Denken, fortgesetztes Beschäftigen mit gehaltvollen Büchern und Männern der Weg; doch kann dieser Fehler bis zur Tugend gemildert werden, und es darf uns der philosophische leichte Sinn bleiben, der unnöthige Sorgen über Bord wirft, übertriebenen Schmerz nicht aufkommen läßt und uns durch Abwenden oder heiteres Aufnehmen der Schattenseiten des Lebens die innere Kraft zum Wirken erhält.

"Sind wir nun im Reinen mit unseren Fehlern und Mitteln dagegen, so müssen wir eine ebenso strenge Prüfung unserer Fähigkeiten vornehmen, damit wir unser Pfund nicht vergraben.

"Haben wir uns so nach jeder Richtung geprüft, so haben wir zunächst einen Blick auf die uns umgebende Welt zu werfen, um zu sehen, was wir in Bezug auf sie wirken können, was ihre Hauptmängel sind, wo wir ihnen abhelfen können; der Frau ist ein enger Kreis gezogen, aber weit genug, um ihr Leben, ihre Seele, ihre Bestimmung auszufüllen — so verzweigt mit seinen Wurzeln in die ganze Welt und die ganze Zukunft, daß ihr stiller magischer Einfluß unberechenbar in seinen guten und schlimmen Wirkungen ist. Dem Manne ist die ganze Welt offen, und auf einmal tritt sie ihm entgegen, da beschaue er sie vom engsten Kreis aus in immer sich ausdehnendem Bogen, bis daß er an die fernsten Ufer mit seinen Gedanken reiche; er möge denselben Proceß ausführen wie der Stein, den man ins Wasser wirft: von seinem Centrum aus bilden sich Kreise, die vom engsten zum weitesten nach und nach das entgegengesetzte Ufer berühren. Er betrachte mithin zuerst seine nächste Umgebung, prüfe ihr Thun und Treiben, den Grund, den Erfolg desselben, den Geist, der sie beseelt, frage sich, was sie leisten und ausführen, was sie sind und werden, was sie sein sollten und könnten — und diesem Gedanken schließt sich unmittelbar der an: was kannst du zu ihrer Förderung thun? Und so ist das erste Glied geschmiedet, das unsere Veredelung mit der Veredelung des Nebenmenschen verkettet. Hier fängt schon der Einfluß eines stillen Beispiels an. Nun blicken wir weiter um uns und machen uns bekannt mit dem Staat, in dem wir leben, überlegen uns seine Thätigkeit und seine Mängel, ob und was wir dabei zu wirken fähig sind oder werden können; jetzt schon erklären wir innerlich den Krieg allem unredlichen Treiben, allen Irrungen, allen Übelständen — der Kreis dehnt sich aus. Sind wir Deutsche, so liegt uns nun Deutschland als Ganzes am nächsten, das Verhältniß unseres Staates zu den vaterländischen Nachbarstaaten, ihr Einfluß, ihr Zustand, ihr Fortschritt — nun muß nothwendig die Geschichte uns zur Seite stehen, damit wir die jetzigen Zustände aus den früheren entwickeln und beurtheilen und die Wurzel der Übelstände kennen lernen, um sie womöglich ausrotten zu helfen, und die Wurzel des Guten, um sie zu schonen. Von Interesse zu Interesse steigert sich schon in uns die Wißbegierde aufs Höchste, unsere Kreise erweitern sich, unsere Ansichten gewinnen neue Formen, unsere Erkenntnis bildet neue Regionen, und schon ist ein tieferes, gehaltvolleres Leben in uns eingegangen, ohne daß wir noch die philosophischen und politischen Höhen erstiegen haben.

"Jeder Fähigkeit sind ihre besonderen Wissenschaften angewiesen. Haben wir uns geprüft, unseren Geschmack und unsere Kräfte erwogen, so entscheiden wir uns für einen oder zwei Zweige, und diese treiben wir nun mit Ernst und Eifer. Wir müssen uns nach den besten Büchern in diesen Zweigen erkundigen, nach den Autoren, die darüber geschrieben haben; wir machen eine Liste von ihnen, um sie nach und nach durchzunehmen, wir nehmen ein Werk und machen Auszüge, ein anderes lesen wir nur durch, je nachdem wir es rathsam finden — schämen uns vor uns selbst, wenn wir uns von den Schwierigkeiten abschrecken lassen, erlauben uns nicht, feuern uns immer von Neuem an und werden so nach und nach ein tüchtiger, brauchbarer, befriedigter Mensch, dem seine Stellung in der Gesellschaft und in der Welt nicht fehlen kann, — weil leider diese Klasse noch sehr in Minderzahl steht — und der mit Ruhe, Zuversicht und Hoffnung jeder Zukunft in die Augen zu sehen vermag."