"Wie gut steht es der Jugend, wenn sie ihre Spiele, ihr Lachen, ihre Thorheit vergißt, um dem trüben, ernsten Alter ihr Leben und ihre Farbe zu borgen; sie gleicht dem Epheu, der mit seinem frischen Grün den färbenden Stamm umschlingt, dem wilden Wein, der sich zärtlich um die Ruinen der Jahrhunderte windet. Sie kommen zu mir mit der Güte der ersten Jugend, mit den liebenswürdig höflichen Formen der großen Welt: Sie bitten um Verzeihung wegen Ihrer Gabe, Sie entschuldigen sich Ihrer Liebenswürdigkeit wegen, mit dem Mantel der Demuth wollen Sie Ihre Gefälligkeit bedecken, für die Sie mir den Dank zu ersparen suchen; trotzdem sollen Sie ihn haben und offenherzig haben: ich danke Ihnen für Ihren reizenden Brief, ich danke Ihnen, daß Sie einen jener glücklichen Augenblicke erfaßt haben, die ich dem Anschein nach für dauernd halten würde, die dem Ausdruck der Gedanken so günstig sind; ich danke Ihnen sogar für den Krieg, den Sie gegen die Einsamkeit und das Gefühl eröffnen — denn, haben Sie nie von jenem magischen Trank gehört, der plötzlich verjüngt, von jenen Streichen mit dem Zauberstab, die jene Hexerei der Zeit, Alter genannt, verbannen? Nun denn, mein Herr, Ihre Worte enthalten diese magische Kraft; meine Krücke werfe ich fort, ich richte den gebeugten Rücken auf, meine grauen Haare färben sich wieder, meine Stimme wird stark und jung und ruft Ihnen den Kriegsruf entgegen; jawohl, den Kriegsruf, denn Sie haben den Trost und die Freude meines ganzen Lebens angegriffen; Einsamkeit, dunkle Wälder, Gedanken, die das Herz erforschen und unter der sichtbaren Form der Thaten in das tägliche Leben eingreifen; das alles verdammen Sie mit dem einen Wort: Sentimentalität. Erinnern Sie sich der Worte von Casimir de la Vigne an Lamartine:

Pourquoi donc trop séduit d'une fausse apparence
Nommer la liberté, quand tu peins la licence?

Mein Herz erkennt diese Entheiligung des Gefühls, Sentimentalität genannt, nicht an: zwar ergeht sie sich gern in der Natur, hat stolze Worte für die Schönheit des Waldes, heiße Thränen für den Tod einer Blume, doch das wahre Gefühl allein hat Kraft und Thaten. Die Natur in ihrer Pracht und Schönheit hat für diese Kinder des menschlichen Geistes zwei verschiedene Sprachen, sie sagt der Sentimentalität: 'Athme dieses weiche, unbestimmte Glück der Lüfte, der Sonne, der Blumen ein, mache eine Ode daraus, singe ein Lied dafür, und vor allem entsinne dich alles dessen, was andere in ähnlicher Lage empfunden haben, um auszusprechen, wenn du nicht so fühlst,' dann wirft sie ihr einige Reime, wie 'Herzen — Schmerzen, Thränen — Sehnen' in den Schoß, macht ihr ein Recept nach ihrem Geschmack: träumerisches Schmachten, Blicke gen Himmel, süße Traurigkeit und, siehe da, die Sentimentalität ist fertig! Sie braucht weder Vernunft noch Stärke, sie kümmert sich weder um die Seele noch um den Nächsten, sie badet sich wohlgefällig in dem echten oder künstlichen Genuß des Augenblicks — ich überlasse sie Ihnen, mein Herr, wir wollen sie zusammenrichten, und alle Kräfte unseres Geistes sprechen ein furchtbares 'Schuldig' gegen sie aus.

"Aber das ist nicht die Lehre der Natur, der Einsamkeit für das echte Gefühl; diese Sprache ist in anderen Sphären entstanden, ihre Worte verlangen Thaten: 'Mein Donner, mein Sturm predigt Dir Gottes Macht, meine Tannen und Eichen predigen Dir seine Größe, meine Felsen, die Pfeiler der Schöpfung, predigen Dir seine Kraft; mit den Strahlen der Sonne sendet er Dir seine Liebe und Güte, in jede Blume, in jede Vogelfeder hat er die heiligen Gesetze ewiger Ordnung eingetrieben, und Du, Widerschein seines Geistes, Du wagst es, schwach und schüchtern zu sein; erhebe Dich aus Deinem kleinen irdischen Leid, schau um Dich, auf dieser reichen Erde gibt es Wesen, die hungern, die frieren, geh, hilf ihnen; Du hast Brüder, die Dich beleidigten, Dein Herz brachen, Dein Leben zerrissen, geh, vergieb ihnen; siehst Du furchtbare Irrthümer, schreckliche Verirrungen, geh und bekämpfe sie; Du seufzt, Du wankst unter der Last Deiner Thränen; schnell, trockne sie, und dann vorwärts, vorwärts ohne Furcht! Der Neid, der Leichtsinn, die Selbstsucht schlagen Wurzel in Deinem Herzen, reiße dieses Unkraut aus, Du darfst nicht, nein, Du darfst nicht schwach und klein sein inmitten der Unendlichkeit!'

"Die Natur hat dem Gefühl ihre Predigt gut gelehrt — nicht wahr, sie verdient die Priesterweihe, wir werden ihr die erste freie Oberaufsicht anvertrauen; ich freilich werde verlieren, da ich sie bisher allein meines Hauses Hüter, meinen Lehrer und Beichtvater nannte, aber ich opfere mich der Gesammtheit und werde ihren Worten folgen, die sie zu allen spricht.

"Während meiner langen Wanderungen zog dieser unsichtbare Priester meine Seele vor Gericht, wir sprachen miteinander über mein Leben, über meine Schmerzen und die Schmerzen anderer, wir theilten sie in zwei Hälften und nannten die eine Schicksal; sie enthielt alles Leid, das wir nicht ändern können; die andere Hälfte trug verschiedene Titel, wie: Pflichten, die zu erfüllen, Fehler, die zu vermeiden sind, und zum Schluß den Wahlspruch: kämpfen! Und wenn ich mich in Theorien verlor, wenn Gedanke sich auf Gedanke thürmte, so hoch, daß die Erde drohte zu verschwinden, hielt mein Führer mich zurück und zeigte mir eine Tanne, die sich stark und gerade zu den Wolken erhob.

"'Höre die Geschichte dieses Baumes,' sagte er, 'vergiß nicht, eine Lehre für Dich darin zu finden, und wende sie, die von oben kam, hier unten an. Auf seinen Flügeln trug der Westwind die Samen zweier Tannen bis zu jenem Hügel, und bald entschlüpfte das Leben dem Kerker und erschien grün und frisch in den Strahlen der Sonne. Die eine von ihnen war bezaubert vom Anblick des blauen Himmels, von seinem wunderbaren Glanz, und beschloß, sich bis zu ihm zu erheben. Sie strengte alle ihre Kräfte an, sie wuchs, zum Neide ihrer Nachbarn, mit fabelhafter Geschwindigkeit zu nie gesehener Höhe. So lange nur der Zephyr mit ihr spielte, freute sie sich ihres Wachsthums, doch als der Sturm nahte, schlug sein hochgeschwungenes Scepter mit einem einzigen Schlag den ehrgeizigen Stamm zu Boden. Sein Genosse war viel kleiner als er; er hatte, während er wuchs, nie seinen Ursprung vergessen und fest die Wurzeln in die Erde gesenkt; er widerstand dem Sturm, er wuchs empor, er sah Jahrzehnte ihn bewundern, doch nie in seinem höchsten Ruhm vergaß er die Erde. Des Himmels heiliges Licht nährte ihn, doch was er empfing, gab er der Erde als Kraft und Gesundheit zurück, sie brachte seinen Wurzeln den Saft und er gab ihn als Schönheit und Größe dem Himmel wieder.'

"Ich liebte die Lehren meines Predigers, ich dachte ihrer stets, und ich schämte mich sehr, wenn ich bei der Rückkehr von meinen langen einsamen Spaziergängen keinen guten Rath für den, der ihn bei mir suchte, kein Hilfsmittel für den Leidenden, keinen Trost für meinen Kummer gefunden hatte, kurz, wenn ich keinen Gedanken der That aus meinen dunklen Wäldern heimbrachte. Wie gut verstand ich die Sage der Alten von der Göttin der Wälder, deren Diener auf glühenden Kohlen schritten, ohne sich zu verbrennen; die Kohlen sind die Proben des Lebens, die ihre geflügelten Füße kaum berühren. Und doch bin ich ein Weib, der Kreis meiner Thätigkeit ist eng begrenzt; es kommt vor, daß ich nur mein Herz zu untersuchen habe, daß mein Rath, meine Hilfe nicht gefordert wird, dann denke ich manchmal an alles das, was mein Prediger mir zu sagen hätte, wenn ich über andere gestellt wäre, wenn ich einer jener Männer wäre, die von Tausenden gesehen werden, an denen die Hoffnung von Tausenden hängt, von denen sie mit Recht Glück und Trost verlangen; wie viel würde er zu thun haben, um mich von Stadt zu Stadt führen, ihre Einrichtungen, ihre Leiden, ihre Wünsche kennen zu lernen, um meine Gedanken von der Hauptstadt zum Dorf, von Verbrechen des einen zur Arbeit des anderen zu führen; zu wissen, ob der Bürger Handel treiben, der Bauer sein Feld bestellen kann, ob die Behörden der Gerechtigkeit dienen, die Tatkraft das Grundgesetz des Landes ist, was der Boden trägt und tragen könnte; ferne Reiche aufsuchen, um dort zu finden, was dem meinen nützlich und angenehm sein könnte; die Universitäten, die Schulen im Auge behalten, um in der jungen Generation den Samen einer ernsten Erziehung zu säen, den Keim einer einfachen, starken Moral einzupflanzen.

"Doch genug der Predigt! Vorwärts ihr kleinen Nymphen des Waldes, ihr kleinen Dämonen der Unterwelt, ihr kleinen Elfen der Blumen und des Wassers, zu euren Tänzen, euren Spielen und Possen! Bringt uns die Freuden eurer Wälder und Haine, naht euch auf den Sonnenstrahlen, die durch die Blätter tanzen, die sich hinter Baumstämmen verstecken und die sich, wenn man sich gut mit ihnen stellt, auf dem Papier, dem Antlitz, den Augen niederlassen; schnell eine Wendung, und die Schatten breiter Blätter zeichnen sich auf dem Schoß, ein leiser Westwind rührt den Zweig und wieder tanzt der Sonnenstrahl vor Dir, entreißt Dir neckisch den eben gewonnenen Gedanken und entflieht mit ihm. Du streichst mit der Hand über die Stirn, Du erfaßst ihn wieder, Du bringst ihn zu Papier — husch — ein kleiner Dämon wirft Dir eine Hand voll geflügelter Teufelchen zu: rote, grüne, blaue, bunte, vielfarbige, kurze und lange, kleine und große, eine ganze Sammlung niedlicher Käfer, des Ansehens wert. Jetzt gilt's ein wenig träumen — da schleudert ein Dämon, ein böser Dämon einen mächtigen Raubvogel durch die Lüfte gerade auf eine arme Taube zu, nun fühlst Du die Erschütterung des Trauerspiels in Deiner Seele, Dein Herz schlägt, Du nimmst die Partei der Schwachen, Du möchtest der Unschuldigen zurufen: Komm zu mir, ich kann Dich beschützen! — aber der Räuber und seine Beute sind verschwunden, der Ausgang bleibt Dir unbekannt — man denkt noch einen Augenblick an den Tod, an die rohe Gewalt, an das Unglück, um zu seinem Buch zurückzukehren. Man läßt die Käfer summen, die Sonnenstrahlen auf der Stirn tanzen, man sieht nicht einmal nach dem Eichhörnchen, das sich vor unserem Anblick erschreckt, man will lesen — Nymphen, Dämonen, Elfen tanzen und spielen, man beachtet sie nicht, da sammeln sie einen Vorrath süßer Gerüche, sie suchen in den Tannen, den Blumen, im Heu, in der Luft und kehren beladen zurück — lebt wohl, Fleiß, Buch, Ernst, tiefe Gedanken — die Träume kommen wieder und all die kleinen Geister der Natur triumphieren! O, diese lieben kleinen Schauspieler, die Niemand bezahlt, diese reizenden Feuerwerke, die keinen Pfennig kosten, diese geistreichen Unterhaltungen ohne Verleumdung und Klatsch, diese frischen, strahlenden Gewänder, die keinen zu Grunde richten, dieser liebliche Duft in all den weiten Räumen, diese herrlichen Konzerte der selbstlosen kleinen Sänger! — Nun, mein Herr, was sagen Sie zu den heimlichen Freuden dieser melancholischen Einsamkeit? Ich biete Ihnen Oper, Drama, Ballet, Feuerwerk, ich biete Ihnen Unterhaltung, Predigt und Farben und Diamanten, soviel Sie wollen, und lebende Blumen und wahre Freuden, und all das stark und schön und groß, und doch habe ich noch die Seele des Freundes vergessen, der dazu gehört, das Herz, das ein Theil des unseren ist, die Augen, die die unseren widerspiegeln, die sanfte Hand, die unsere Thränen trocknet; ich will nicht davon sprechen; für den, der es erfuhr, ist es bekannt, daß Gott uns über solche Freuden schweigen heißt, er gab uns keine Worte, um sie auszudrücken.

"Ich bin nur eine alte Prophetin an dem Altar des Lebens, der Kummer hat mich inspiriert, im Kummer vertrieb ich mir selbst die Mittel dagegen und ich habe sie erprobt. Sie, Sie sind jung, es ist gut, es ist natürlich, daß Sie die Städte und die Welt und die Sonne und die lachende Landschaft lieben, deren Freuden keine Mysterien sind; doch all das thut den Augen weh, die viel geweint haben, sie brauchen Schatten und Stille; nach einem erfahrungsreichen Leben zieht mein Alter die Bäume den Thürmen und Dächern, die Dekorationen des Schöpfers denen der Menschen vor.