"Den innigsten, den liebewärmsten Dank meiner lieben theilnehmenden Jenny für die Worte, die Sie in meinem Schmerze zu mir reden, und die in ihrer seelenvollen Tiefe mich so innig rühren und erheben, daß ich sie oft wieder durchlese. Ihr Herz wird durch Gottes Gnade vor einem solchen Verlust bewahrt werden. Er, der Sie liebt und schützt, wird Sie durch freudigere Wege zum Ziele führen, dessen stiller Sinn schon in Ihrem edlen Gemüthe liegt. Das ist mein Wunsch, denn je mehr ich leide, je mehr möchte ich die, die mir teuer sind, mit Freude und Glück umringen können. Ach, aber blicke ich im Geiste hinein in Ihr tiefes dunkles Auge, dringe ich in die Schriftzüge, die mir Ihre Grüße und Worte der Liebe brachten, — ach, da ergreift mich ein schmerzvoller Klang aus tiefem, verborgenem Quell, und ich muß weinen, um Sie weinen, um die Klage Ihres eigenen Herzens. Sie weinen gewiß oft, meine liebe Jenny, aber in Ihren Thränen bricht sich der Strahl des Himmels und die Melancholie, die das Gepräge Ihres ganzen Wesens ist, die Sie umgiebt wie ein Glanz des Mondes, sie zieht Sie ab von der tändelnden Nichtigkeit des Tageslebens, und enthüllt Ihnen in eigner Brust das Leben der Liebe, das ewig Nahrung gebende Princip, das vom Himmel stammend uns Thatkraft und Muth in den Kämpfen, Ergebung eines Kindes in den Fügungen, Glaube und Freudigkeit in jeglichem Wechsel des Lebens verleiht. Die Leichtfertigkeit der faden Welt verletzt das verwundete Gemüth — ich weiß es und Sie müssen es empfunden haben, drum hinein ins eigene Sein, in das Herz — 'my heart my only kingdom is'...
"Liebe Jenny — mir ist das Herz so voll, daß meine Worte mir immer dürr erscheinen — Worte sagen wenig, die Sympathie versteht aber auch kaum angedeutete Gefühle. Ich möchte Ihnen die Hand reichen über die weiten Fernen hinüber — wir sind beide betrübt — ich weiß nicht, warum ich Thränen in Ihren Worten lese, täusche ich mich, so danke ich Gott, wenn er Ihnen einen froheren Weg zeigt als mir. Sagen Sie es mir, wenn Sie glücklich sind, und Sie finden gewiß ein Lächeln der Freude in meinem betrübten Gemüth. — Sind Sie geprüft, nun so blicken wir vereint hinauf, von wo uns Hülfe kommt. Gott mit Ihnen und
Ihrer Helene."
"Mein Brief war gesiegelt, da öffnete ich das Zeitungsblatt und fand die Todesnachricht des Grafen Vaudreuil! Nichts konnte mir unerwarteter sein, heute noch dachte ich an ihn, an seine Liebenswürdigkeit und freute mich seiner Bekanntschaft, nun ist auch er hinübergezogen in das 'stille Land' ... Was wird jetzt aus Ihrer kleinen Marguerite, die er so liebte! Könnte Sie doch zu Ihnen!"
Aus dem folgenden Jahre stammt ein acht Seiten langer Brief, der nichts ist als ein einziger Gefühlserguß und durch Jennys Geständnis ihres traurigen Herzensschicksals hervorgerufen wurde. Er beginnt:
Ludwigslust, den 4. Febr. 1835.
"Mein Herz trieb mich zu Ihnen, liebe vertrauensvolle Jenny, seit Sie meinem Blick erschienen sind, wie viel mehr, seit Ihre holde reine Seele der meinigen ihr Leben, ihr theuerstes Geheimniß anvertraute und damit Gegenliebe dem liebedürstenden Gemüthe bewies ... Ja, ich irre sicher nicht, Sie wußten es längst, welchen wehmüthigen Lebensglanz Ihr Brief auf mein Herz geworfen hatte, Sie wußten, wie innig ich Sie liebe, seit ich mit Ihnen geweint ..."
Die Verbindung zwischen beiden blieb über alle Freuden und Leiden des Lebens hinaus bestehen, wenn es auch zweifellos ist, daß hier, wie im Verkehr mit Prinzeß Augusta, Jenny die Gebende war, die anderen die Empfangenden. Ihre Briefe, von denen leider so wenige erhalten blieben, sind stets die stärksten Emanationen ihrer Seele gewesen. Die Form des Briefes wählte sie auch da am liebsten, wo ein größeres Publikum der Adressat war, wie z. B. im "Chaos" und später im "Wilhelmsthaler Journal". Für die Hofgesellschaft war dies ein literarischer Mittelpunkt geworden, wie das "Chaos" es für Ottiliens Kreis gewesen war. Manche jener schwärmerischen Briefe der Herzogin Helene fanden Aufnahme darin; da jedoch das Blatt nicht gedruckt wurde, ging der größte Teil seines Inhalts verloren.
Von Jennys Beiträgen dagegen ist viel erhalten geblieben: Reflexionen, Erinnerungen an Personen und Bücher, Erzählungen, Märchen, auch Familiensagen und Anekdoten, die von den verschiedenen Gästen erzählt und von ihr festgehalten worden waren. Gerade diese kennzeichnen die Richtung einer Zeit, der die napoleonische Epoche noch so nahe war, daß Lebende sich ihrer erinnern und von ihr erzählen konnten, und in der Kriege aller Art die Gemüter erregten. Alte Offiziere Napoleons erzählten von ihm; andere, wie Prinz Friedrich Schwarzenberg und Alfred von Pappenheim, berichteten von ihren Erlebnissen in den italienischen, polnischen und türkischen Feldzügen, oder im griechischen Freiheitskrieg. Auch die romantisch-mystische Neigung der Zeit kam zu ihrem Recht: der eine wußte von dunklen Schicksalen zu berichten, die wie ein ehernes Fatum über bestimmten Familien schweben, oder von geheimnisvollen Einwirkungen einer unsichtbaren Welt. Und während so die bunten Bilder des Lebens und der Phantasie an den geistigen Augen der Zuhörer vorüberzogen, saßen die jungen Mädchen still im Kreise und stickten Vergißmeinnicht und Rosen mit glänzenden Perlen auf Brieftaschen und Geldbeutel für die, die ihrem Herzen nahestanden. Nur Jenny stützte zumeist, ihrer Gewohnheit gemäß, das Köpfchen auf die feine, schlanke Hand, denn sie konnte sich nie mit dem, was man weibliche Handarbeit nennt, befreunden, die ihrem künstlerischen Geschmack widerstand. Lieber nahm sie den Bleistift und das Skizzenbuch und porträtierte die Anwesenden. Ihr Talent dafür war ein nicht gewöhnliches. C. A. Schwerdgeburth, der das letzte Porträt Goethes zeichnete, war ihr Lehrer, und eine Mappe voller Bildnisse aus dem Ende der zwanziger Jahre spricht noch heute für den Lehrer wie für die Schülerin.
Erfindungs- und Darstellungsgabe zeigen ihre kleinen Erzählungen für das "Wilhelmsthaler Journal", wenn auch der schwärmerisch-sentimentale Inhalt sie uns heute schwer genießbar macht. Was sie dagegen in der Form freundschaftlicher Briefe an Erfahrung und Lebensweisheit bot, läßt es erstaunlich erscheinen, daß ein so junges Mädchen die Verfasserin sein konnte. Zwei dieser Briefe mögen hier folgen. Im ersten, der Antwort auf ein in den Schleier der Anonymität gehülltes Schreiben Karl Alexanders, gibt sie sich als alte Frau. Er lautet: