Wir unterhielten uns, als wir zusammensaßen, über die deutsche Resolution. »Sie ist aus Wenn und Aber zusammengesetzt, und einem Fall Millerand ist zwar die Tür geschlossen, aber das Fenster geöffnet,« — räsonierten die Vertreter des sechsten berliner Wahlkreises, für die der Eintritt eines Sozialisten in ein bürgerliches Ministerium keine taktische, sondern eine prinzipielle Frage war. »'Die Eroberung der Regierungsgewalt kann nicht stückweise erfolgen,'« las stirnrunzelnd einer der Wortführer des Revisionismus; »das ist ein Satz, den wir unmöglich unterschreiben können, denn in parlamentarisch regierten Staaten kann und wird sie nicht anders als allmählich vor sich gehen.«
Am Morgen darauf stimmten die Deutschen trotzdem geschlossen für die Resolution, um die Einigkeit der Partei zu dokumentieren, und sicherten ihr dadurch ihre Annahme. Ich war froh, daß ich kein Mandat besaß, denn die vielgerühmte Disziplin unserer Genossen mißfiel mir, die die persönliche Ansicht dem Willen der Mehrheit unterwarf; die individualistische Haltung der Franzosen schien mir ein Beweis größerer innerer Stärke zu sein. Ich äußerte meine Ansicht, als wir mit unseren näheren Bekannten nachts vor einem Boulevardcafé zusammensaßen, und stieß auf heftigen Widerspruch. »Unsere Disziplin hat uns groß gemacht,« hieß es von allen Seiten. »Numerisch groß, — gewiß,« antwortete ich, »ob aber entsprechend einflußreich?! In England, wo die Partei so zerrissen ist wie hier, durchdringt die sozialistische Idee alle Kreise, gehören Sozialisten allen öffentlichen Körperschaften an, in Frankreich stützt sich die Republik auf Sozialisten, und ein einziger sozialistischer Minister ist imstande, in Monaten mehr Reformen auf dem Gebiete des Arbeiterschutzes durchzuführen, als seine Vorgänger während Jahrzehnten —«
»Und in Deutschland übernahm unsere Reichstagsfraktion im Kampf gegen die Lex Heinze die Führung und rettete Wissenschaft und Kunst vor unerhörter Knebelung,« unterbrach mich einer der Anwesenden lebhaft; »es geht langsam bei uns, aber es geht, und selbst die Resolution, deren Annahme durch uns Sie so verur teilen, ist ein Zeichen des Fortschrittes. Sie hat dem falschen Radikalismus eine seiner Spitzen abgebrochen indem sie der politischen Taktik freie Hand ließ.«
»Dazu, scheint mir, werden die Verhältnisse Radikale und Revisionisten stets ohne weiteres zwingen. Die Preisgabe persönlicher Überzeugung war überflüssig,« antwortete ich.
»So halten Sie es für besser, wenn man um verschiedener Ansichten willen wie verzankte Kinder nach rechts und links auseinander läuft?!«
»Es scheint mir jedenfalls richtiger, als klaffende Gegensätze mit den morschen Brettern gegenseitiger Konzessionen überbrücken zu wollen.«
Eine augenblickliche Stille trat ein; man sah erwartungsvoll auf Geier, der eben hinzugetreten war.
»Politik besteht aus Konzessionen,« erklärte er und strich gleichmütig die Asche von seiner Zigarre; »aber davon versteht ihr Weiber nichts. Für das Geschäft seid ihr entweder zu gut oder zu schlecht, darum laßt die Finger davon. Übrigens: — Ich habe eine Nachricht in der Tasche, die den Wünschen der Genossin Brandt entgegenkommt: Euer neuer Prophet, Bernstein, wird Deutschland in persona beglücken dürfen.«
Von allen Seiten mit Fragen nach dem Wie und Warum bestürmt, fuhr Geier mit einem spöttischen Blick auf mich in seinem Berichte fort: »Die deutsche Regierung hofft auf eine Spaltung der Partei. Es ist Bülows, des neuen Reichskanzlers, erste Heldentat, wenn er das Ausweisungsdekret gegen Bernstein nicht mehr wiederholt. Viel Glück zu diesem Zuwachs, Ihr lieben Reichsdeutschen!« Damit erhob er sich, flüchtig grüßend.
Wir gingen schweigsam nach Haus, mein Mann und ich, in unsere kleine möblierte Wohnung, die wir nach langem Suchen endlich gefunden hatten. Ich fühlte auf diesem Heimweg deutlicher als je, daß wir allmählich auch innerlich nebeneinander und nicht miteinander gingen. In der Nacht hörte ich, wie unruhig er sich hin und her warf, und sah im Laternenlicht, das matt durch die Fensterscheiben drang, wie zerquält seine Züge waren. Er litt, — und ich wußte nicht warum; ich, die ich ihm am nächsten stand, hatte ihn allein gelassen! Das Herz krampfte sich mir zusammen. Waren nicht jene Frauen wirklich die besseren gewesen, die nichts hatten sein wollen, als ein allzeit offenes Gefäß für die Schmerzen und die Kämpfe des Gatten? Vielleicht waren sie die tiefste Bedingung seiner Kraft.