»Sie ist glücklich, seitdem sie allein ist,« sagte Ilse. Ein flehender, gequälter Blick ihres Mannes traf sie.

»Was spielst du jetzt?« fragte ich, zum Flügel deutend, um das Gespräch abzulenken.

»Ich habe die Musik aufgegeben, sie macht mich nervös,« antwortete sie.

»Auch die Oper??«

»Die erst recht! Die offenen Mäuler und gespreizten Arme all der dicken Tenöre und Primadonnen zerstören jeden Rest von Illusion. Man kann sie bestenfalls ertragen, wenn man geschlossenen Auges zuhört. Aber da man immer den übrigen Pöbel um sich hat — —«

Sie unterbrach sich und schürzte ein wenig spöttisch die Lippen: »Ach so, — entschuldige! Ich vergaß, daß ich euer proletarisches Empfinden kränken könnte.«

Erdmann lachte. »Nun — nun,« meinte er begütigend, »der Pöbel des Parketts dürfte doch auch in euren Augen mit dem Proletariat nicht identisch sein. Übrigens bin ich mit Ilse einer Meinung: der Zirkus und das Überbrettl sind für unsereins allein noch erträglich. Hohe Kunst auf der Bühne ist verletzend für Menschen von Kultur. Man sollte dafür Marionettentheater schaffen, oder sechsfache Schleier vor die Darsteller hängen, damit sie wie Schatten wirken.«

»Unvergleichliche Wirkungen müßten sich dadurch erzielen lassen,« sagte Ilse, etwas lebhafter werdend, »zum Beispiel mit herrlichen Sachen, wie diesen hier.« Sie wies auf das neuste Heft der Blätter für die Kunst, das dramatische Gedichte von Schülern Stefan Georges enthielt.

»Ich lese sie noch immer nicht,« entgegnete ich lächelnd; »weniger denn je kann ich heute die hochmütige Abkehr vom Leben vertragen, die das Kennzeichen all dieser Menschen ist. Sie berauschen sich am Klang der Sprache und bekommen, wenn es zu handeln gilt, zittrige Hände wie Absinthtrinker.«

Wir gerieten in eine Debatte, die sich immer schärfer zuspitzte. Ilse bekam heiße Wangen und mitten im Gespräch einen heftigen Hustenanfall, der mich angstvoll aufhorchen ließ. Erdmann sah in diesem Augenblick wie verstört drein. Und wie um gewaltsam den Eindruck abzuschütteln, beschloß er, uns durch den Tiergarten zum Hotel zurückzubegleiten.