Es war ein Sonntag, als wir Berlin wiedersahen. Mir schien, als wären wir Fremde. Wie klein, wie armselig war das alles: die Linden mit ihren kraftlosen Bäumen und stillosen Häusern, der Pariser Platz mit seiner bedrückenden Engigkeit. Und die neuen Stadtteile: eine gute Bürgersfrau, die sich herausgeputzt hat, und das bißchen echte Kultur, das sie besaß, darüber vollends verlor. Dazwischen die Feiertagsbummler: Der Kontrast zwischen ihrer kreischenden Lautheit in Tönen und Farben und dem matten Grau des Märztages tat Augen und Ohren weh.

»Ich möchte wissen, wo ich zu Hause bin,« seufzte ich und legte mich abends mit jenem Gefühl innerer Leerheit schlafen, das uns zuweilen überkommt, wenn wir eine Staatssoirée hinter uns haben. Mir träumte von einem riesigen Wasserfall. Noch im Halbschlaf am Morgen hörte ich sein Rollen und Rauschen, und je wacher ich wurde, desto stärker schwoll es an. Vom Potsdamer Platz herauf klang es; Straßenbahnen, Omnibusse, Lastwagen, eilende Menschenfüße waren die Instrumente dieses Konzertes; Berlin ging auf Arbeit. Da war kein Winkel ohne Leben.

Drüben in der Leipzigerstraße waren unter der Spitzhacke alte Mauern zusammengebrochen, und sieghaft er hob sich jetzt, von Riesengranitpfeilern getragen, ein mächtiges Warenhaus, wie selbst Paris es nicht kannte, aus dem märkischen Sand. Kein Basar, dessen Bau Gotik, Barock und Renaissance durcheinanderwirft, wie seine reklameschreienden Schaufenster die Waren, — ein Stück neuer Kultur vielmehr, die die Schönheit der Zweckmäßigkeit erkannte und doch allen Zauber der Kunst über sie ausgoß. Die Menschen strömten aus und ein. Sie trugen von all jenen glänzenden Goldblumen und köstlichen Steinreliefs, die seine inneren Räume schmückten, von den farbenleuchtenden Onyxplatten und gemalten Holzdecken, von den Feuertropfen und Lichtgirlanden einen Schimmer von Schönheit mit sich nach Haus.

Jenseits des Platzes waren Baumriesen gestürzt, denn dem Verkehr mußte die Straße sich weiten, und an der Peripherie der Stadt standen reihenweise die Holzgerüste, wie gewaltige Pallisaden, — Zeichen dafür, daß das alte Kleid ihrem Riesenleibe zu eng wurde.

Ein Emporkömmling ist sie, — gewiß! Aber keiner, den das Glück aufwärts trug. Vielmehr einer, der sich durch die Kraft seiner Fäuste den Weg bahnte.

Wie die Menschen liefen und hasteten! Sie kannten jenes gemächliche Schlendern nicht, mit dem Lächeln der Behaglichkeit auf den Lippen und kokettierenden Blicken hin und her. Aller Züge schienen gespannt von nervöser Eile, von sorgender Angst, von lastenden Gedanken.

Klingendes Spiel, feste Schritte im Takt kündeten das Nahen von Soldaten. Der Verkehr stockte. Wo in Preußen die bewaffnete Macht erscheint, gehört ihr die Straße. Und hypnotisiert durch den Marsch, durch die Masse, durch wehende Federbüsche und blinkende Uniformen, drängte jung und alt ihr nach, ihr voran.

Die Alexander-Grenadiere bezogen heute ihre neue Kaserne: in nächster Nähe des Schlosses war sie errichtet worden, eine Zwingburg mit Mauern und Schießscharten; und vom Lustgarten aus führte der Kaiser selbst seine Garde dem neuen Heime zu, während die Polizei in weitem Bogen das gaffende Volk beiseitedrängte, damit der Herrscher allein blieb mit seinen Truppen. »Ihr seid die Leibwache eures Königs,« sagte er, »und wenn diese Stadt noch einmal wie Anno 48 sich wider ihn erheben wird, so seid ihr berufen, die Frechen und Unbotmäßigen mit der Spitze eurer Bajonette zu Paaren zu treiben.«

Fürwahr, wenn ich mich bis jetzt wie in einem Traum befunden hatte, nun wußte ich: wir waren in Berlin.

Wir gingen mittags zu Erdmanns. Sie waren erst kürzlich von einer langen Seereise zurückgekehrt, die der Arzt ihnen verordnet hatte, und schienen, nach den Briefen meiner Schwester zu schließen, befriedigt von ihrem Erfolg. Und nun standen sie mir gegenüber, so anders als ich sie verlassen hatte. Scharf und eckig traten die Backenknochen aus meines Schwagers Gesicht hervor, sein Anzug hing um ihn, als wäre sein Körper nichts als ein Knochengerüst. Nur sein Geist schien lebensvoller als je und sprühte Funken. Das Schwesterchen dagegen war ebenso still, wie sie blaß und schmal war. Wo war das runde Kindergesicht und die glänzenden Augen? Seltsam: auch aus ihren Haaren war der Goldschimmer verschwunden; es lag wie Asche auf ihnen. Die einstmals lauter Wärme ausströmte, hatte eine Atmosphäre abweisender Kühle um sich. Ihre Lippen glichen jetzt denen meiner Mutter: scharf, schmal, blutlos. Ich sah, daß sie sich mir nicht öffnen würden, und forschte in ihren Zügen; aber auch sie blieben verschlossen. Ob sie unglücklich war, weil sie kein Kind hatte? Erdmann spielte stundenlang mit meinem Buben, während sie ihn kaum mit einem Blick streifte. Wir sprachen von der Mutter, die den Winter in Italien verlebt hatte und Briefe schrieb wie ein junges Mädchen, das zum erstenmal in die Welt sieht.