»Die gehören in dieselbe Kategorie, nur daß ihre, — na, sagen wir parlamentarisch: Unbescheidenheit noch größer ist. Vom Kothurn ihrer Unentwegtheit herab führen sie das große Wort, und ihr Ziel ist offensichtlich der Bannfluch, d. h. der Ausschluß aller derer aus der Partei, die eine selbständige Meinung haben.«

»Wenn man Sie so schimpfen hört, lieber Brandt, könnte man die Schicksalsfügung segnen, die Sie bisher verhinderte, Ihre Zeitschrift ins Leben zu rufen,« sagte Reinhard. »Wenn Sie all Ihre Wut noch in Druckerschwärze verwandeln würden!!«

»Sie irren sehr, wenn Sie glauben, ich werde mein Blatt zum Kampfplatz für Theoretiker machen,« entgegnete Heinrich ruhig. »Mir würde es in erster Linie darauf ankommen, praktische Politik zu treiben. Daß das auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens notwendig ist, daß es endlich an der Zeit wird, den ruhenden Koloß der Partei in Bewegung zu setzen und Tages arbeit verrichten zu lassen, — das scheint mir das wichtigste Ergebnis der gegenwärtigen Bewegung.«

Reinhard stand auf, stampfte ärgerlich mit der Krücke auf den Boden und sagte: »Als ob das alles eine blitzblanke neue Erfindung wäre! Was war es denn, was wir lange vor Bernstein in den Parlamenten, in den Kommunen, in den Gewerkschaften und Genossenschaften getrieben haben?! Der ganze Unterschied zwischen den Revisionisten und den Radikalen ist, daß die einen in der Arbeiterschutzgesetzgebung, in der Gewerkschafts- und Genossenschaftsbewegung, in der allmählichen Demokratisierung des Staats nichts als Erziehungsmittel für das Proletariat erblicken, und die anderen Sozialisierungen der Gesellschaft, Voraussetzungen des Sozialismus. Dem Arbeiter aber ist's wirklich einerlei, wie die Dinge heißen, die er bekommt, wenn er sie nur überhaupt kriegen kann. Und darum —« er ging erregt im Zimmer auf und nieder — »begreife ich die ganzen Skandale nicht und fühle es meinen Genossen nach, wenn sie euch Akademiker mißtrauisch betrachten. Wir sind ja auf dem besten Wege, — was werft ihr Steine in unseren Teich?! Sehen Sie sich z. B. mal die Tagesordnung unseres Stuttgarter Gewerkschaftskongresses an! Sie waren ja dabei, als man sich wütend an die Gurgeln fuhr, weil der eine die sozialpolitische Tätigkeit der Gewerkschaften forderte, der andere sie für schädlich hielt. Und ich selbst, — Sie besinnen sich! — war der radikalsten einer. An meiner eigenen Entwicklung mögen Sie die Entwicklung der ganzen Bewegung messen. In aller Stille ist viel Wasser die Spree hinuntergelaufen, und jetzt sind wir mitten drin in der Sozialpolitik. Oder betrachten Sie unsere Haltung in der inneren Politik: denken Sie an die Budgetbewilligung der Badener im vorigen Jahr, — Bebel hat sie freilich hinterher heruntergeputzt, — oder an die Zustimmung unserer bayrischen Landtagsfraktion zur Wahlreform, — Bebel wird sie natürlich darum auch noch unter die Lupe des Prinzips nehmen —. Und, vor allem!, erinnern Sie sich, wie selbst die ärgsten berliner Revolutionäre mit dem dreifachen R jetzt stramm und einig zur Landtagswahl aufmarschieren. Von dem Augenblick an, wo der Parlamentarismus den Charakter des Kräutchens Rührmichnichtan für uns verloren hatte, sind wir folgerichtig weitergegangen.«

Ich hatte ihm mit wachsendem Interesse zugehört. »Und was wollen Sie mit alledem beweisen?« fragte ich.

»Daß der ganze Stank und Zank überflüssig ist. — Sowohl vom Standpunkt eurer Angst um Versumpfung und Verknöcherung der Partei, wie vom Standpunkt all der radikalen Kassandras männlichen und weiblichen Geschlechts, die um unser sozialistisches Seelenheil zittern. Wahrhaftig: wenn wir mit der Bourgeoisie paktieren, so doch nur, um für uns das Schäfchen ins Trockne zu bringen!«

»Ich folgere aus Ihren Beweisführungen etwas ganz anderes,« rief ich aus. »Da die Praxis wieder einmal der Theorie vorausgeeilt ist, so muß die Theorie sich ihr anpassen, sonst kommt der Moment, wo das Band zwischen beiden zerreißt. Die Lehre von der planmäßigen Demokratisierung und Sozialisierung der kapitalistischen Gesellschaft muß an Stelle des Dogmas von der alleinseligmachenden Revolution treten —«

»Aber das ist doch genau dasselbe!« polterte Reinhard. »Selbst der dümmste Radikale denkt doch nicht im Schlaf daran, daß er die Hände nur in den Schoß zu legen und auf die gebratene Taube der politischen Macht zu warten braucht, die ihm ins Maul fliegen wird! Jeder Rekrut in unserer Armee sieht alle Tage, wie sie sich jede Handbreit politischer Macht schrittweise erobern muß. Ebenso wächst ihr Einfluß nur nach und nach, und das berühmte Endziel kann nichts anderes sein als die letzte Krönung des Gebäudes.«

Mein Mann lächelte: »Ich sage ja: Sie sind Revisionist.«

»Zum Donnerwetter, nein! — Ich bin Sozialdemokrat!« — Reinhards Augen glänzten — »Und ihr seid Rabulisten.«