Beim Abschied nahm sein Gesicht wieder den alten, gutmütig-freundlichen Ausdruck an.
»Nichts für ungut, Genossen!« brummte er mit einem leichten Anflug von Verlegenheit; dann reichte er meinem Mann die Hand. »Sie können auf mich rechnen. Wenn Ihr Blatt praktische Politik treiben wird, — in bewußtem Gegensatz zu unseren Zeitschriften von rechts und links, die sich um des Kaisers Bart raufen, — so wird es befreiend wirken und seines Erfolges bei unseren Genossen sicher sein.«
Als er gegangen war, reichte mir mein Mann einen Brief von Romberg.
»... Ihre Pläne sind mir immer wieder durch den Kopf gegangen,« schrieb er, »und der Gedanke, das ›Archiv‹ selbst zu erwerben, ließ mich nicht los. Trotzdem bin ich zu dem Entschluß gelangt, meine persön lichen Wünsche nicht nur zu unterdrücken, sondern Ihnen überdies den dringenden Rat zu geben, die Verkaufsidee überhaupt fallen zu lassen. Sie wissen selbst, daß das neue Unternehmen, dem Sie Ihren Brotgeber, das Archiv, opfern wollen, in bezug auf seinen materiellen Erfolg ein ganz unsicheres ist. Stünden Sie allein, so könnten Sie meinetwegen den Husarenritt unternehmen, aber Sie haben Familie, — verübeln Sie es meiner aufrichtigen Freundschaft nicht, wenn mich die Sorge um sie in diesem Zusammenhang von ihr sprechen läßt. Ich weiß: Frau Alix zieht in diesem Augenblick zürnend die Brauen zusammen; sie ist ja noch fanatischer, noch leichtsinniger wie Sie. Seien Sie darum doppelt klug für beide und erhalten Sie sich das Archiv. Es kann einmal die Rolle der Planke spielen, die Sie vor dem Ertrinken rettet ...«
Ich warf den Brief heftig auf den Tisch. »Daß Romberg solch bourgeoise Anschauungen hat!« rief ich aus. »Als ob wir beide nicht im Notfall schwimmen könnten!« Heinrich zog mich zärtlich in die Arme.
»Daß du so denkst, weiß ich,« sagte er, »trotzdem werde ich handeln wie ein Bourgeois!« Ich wollte auffahren. »So höre doch erst zu, ehe du schimpfst!« meinte er lächelnd. »Besinnst du dich auf Lindner, den jungen Dichter, den wir auf dem Pariser Kongreß getroffen haben?« Ich nickte. »Er tauchte vor kurzem hier auf und besuchte mich, während du weg warst: ein sympathischer Mensch, dessen Schüchternheit alle seine guten Absichten im Keime erstickt. Er möchte in der Partei wirken; aber auf der einen Seite fürchtet er als Akademiker das Mißtrauen der Genossen, auf der an deren Seite stößt ihn die Pöbelgesinnung zurück, die ihm vielfach schon begegnete. Er schüttete mir sein Herz aus; dabei erfuhr ich, daß er der einzige Sohn reicher Leute ist. Ich sprach ihm von unserem Plan, er war sofort Feuer und Flamme dafür.«
»Und gibt die Mittel?!« unterbrach ich Heinrich erregt.
»Wenn die Eltern, von denen er noch abhängig ist, sie ihm bewilligen ...«
Endlich dem Ziele nah! war der einzige Gedanke, der mich beherrschte; winzig erschienen ihm gegenüber die noch vorhandenen Hindernisse.
Einige Tage später kam Lindner zu uns: ein lang aufgeschossener blonder Mensch, mit kurzsichtig zwinkernden blaßblauen Äuglein und schlaffen, feuchten Händen. Er gefiel mir nicht. Aber ich unterdrückte rasch diese erste instinktmäßige Empfindung.