Ein Antrag besonders war von symptomatischer Bedeutung; er verlangte nichts weniger, als daß die Mitglieder der Partei verpflichtet werden sollten, Kritiken über schriftliche oder mündliche Äußerungen von Parteigenossen nur in Parteiblättern, das heißt solchen Zeitungen und Zeitschriften, die der Parteikontrolle unterstehen, zu veröffentlichen. War es nicht ein grotesker Widerspruch zu den grundlegenden Prinzipien der Partei, daß solch ein Antrag auch nur ernsthaft diskutiert werden konnte? Daß es Sozialdemokraten gab, die die »Einheitlichkeit der Partei« dazu mißbrauchten, um die Meinungsfreiheit niederzuknütteln?

»Ich habe geglaubt, die Leute hätten sich in der Adresse geirrt,« sagte Vollmar und reckte sich zu seiner ganzen Riesengröße auf, sodaß er turmhoch und turmsicher über der brandenden Woge der Menge stand. »Das ist ein Antrag für die Zentrumspartei, für die Kirchenorgane mit dem Zensor obenan, wo nur eine Meinung gilt. Es genügt nicht, ihn zu bekämpfen, ihn niederzustimmen. Bis auf seine Wurzeln, gilt es, ihn zu verfolgen, sonst kehrt er in der und jener Form alljährlich wieder und überwuchert unser Erdreich. Es ist der ewige Geist der Kontrolle, der Geist der Kasernenhofdisziplin, dem er entspringt. Und gegen ihn müssen wir uns wenden. Nicht die freie Meinung unterdrücken, was eine Schwäche verraten würde, die nur dem Tode, das heißt der Versteinerung einer Bewegung vorangehen kann, sondern sie fördern, ist unsere Aufgabe. Sollte der Versuch unternommen werden, selbständige Menschen mundtot zu machen, so wäre der kein echter Sozialdemokrat, der es fertig bekäme, sich solcher Zensur zu unterwerfen. Es wäre wahrhaftig nicht der Mühe wert, die Fesseln der bürgerlichen Gesellschaft von sich zu werfen, um sie nur mit neuen zu vertauschen!«

Ich sah mich um im Saal. Es waren nur bestimmte Gruppen, die Beifall klatschten. Reihenweise saßen die Genossen an den langen Tafeln mit verschlossenen oder gleichgültigen Mienen. Unwillkürlich lief mir ein Schauer über den Rücken. Die »Diktatur des Proletariats«, — wird sie die Freiheit sein?

»Sie würde ein rasches Ende nehmen, wenn sie etwas anderes wäre,« sagte einer unserer Genossen, als wir am Abend zusammen waren und ich die Frage ausgesprochen hatte.

Während der letzten Tage des Kongresses, deren Verhandlungen sich um die praktischen Fragen der Arbeiterversicherung und der Kommunalpolitik drehten, legten sich die Wogen der Erregung wieder. Und als August Bebel von den kommenden Reichstagswahlen sprach und seine braunen Jünglingsaugen unter dem grauen Haarschopf immer feuriger glänzten, je drastischer seine Darstellung der inneren und äußeren politischen Lage wurde, je weitgehendere Hoffnungen er für den Wahlkampf daran knüpfte, da jubelte alles ihm einmütig zu; jener zündende Funke der Begeisterung sprang von einem zum anderen, derselbe Funke, den eine Kriegserklärung für alle waffenfähigen Männer bedeuten mag. Sie werfen ihr Werkzeug beiseite, sie treten in Reih und Glied, und zum guten Kameraden wird der Nachbar, mit dem sie eben noch in kleinlichem Hader lebten.

Noch erging sich die bürgerliche Presse in langatmigen Betrachtungen über den »Bruderzwist« in der Partei, um Hoffnungen für ihre Sache daraus zu schöpfen, und schon standen wir in Reih und Glied dem gemeinsamen Feind gegenüber.

Am Tage unserer Rückkehr nach Berlin ging ich zur Mutter. Drei Monate hatte ich sie nicht gesehen. Ihre Briefe, die kurz und freudlos waren, ließen mich nichts Gutes ahnen. Sie wohnte mit Ilse in einer Pension am Lützow-Ufer. Als ich aus dem hellen Tageslicht in das dunkle Zimmer trat, — die Häuser hier traf nie ein Sonnenstrahl, — löste sie sich langsam, wie ein Schatten, aus dem tiefen Stuhl, in dem sie gesessen hatte. Ihre Hände nur leuchteten weiß und überschlank aus dem schwarzen Ärmel des Kleides. Sie war sehr verändert.

Streifen weißen Haares zogen sich durch ihre blonden Scheitel. Auf ihrem schmalen Gesicht wechselte fahle Blässe mit fliegender Röte. Die Pupillen in ihren Augen standen keinen Augenblick still. Ein Gefühl von Zärtlichkeit überkam mich. Ich küßte ihre beiden Hände.

»Es ist nicht leicht —,« sagte sie.

»Was denn, Mamachen?« fragte ich so sanft, als hätte ich eine Kranke vor mir.