»Weißt du noch, wie ich Ilse die Stiefel zuschnürte, als sie ein Kind war? Vor ihr auf den Knieen, — nur damit sie sich nicht bücken sollte?« begann sie langsam, traumverloren. »Dann pflegte ich ihren Mann zu Tode, — und nun läßt mir die Angst keine Ruhe, daß sie wieder in ihr Unglück rennt —« Sie ließ sich nicht beruhigen. Es war, als ob eine fixe Idee sie beherrschte.
Eines Abends schickte Ilse nach mir.
»Um Gottes willen — rasch —,« rief sie mir schon vor der Haustür entgegen, »ich fürchte mich so!« Oben fand ich die Mutter im Bett zusammengekauert, die Augen starr ins Wesenlose gerichtet. »Hans — Hans — tu mir nichts!« wimmerte sie. »Du hast ja mein Versprechen —« Und dann streckte sie wie lauschend den Kopf vor. »Hier meine Hand darauf —« flüsterte sie ruhiger werdend, und ihre weißen Finger griffen in die leere Luft, um etwas zu umschließen, das niemand sah als sie.
Der Arzt erklärte ihren Zustand für Nervenüberreizung und verlangte die Trennung von Mutter und Tochter. Aber erst nach Wochen voller innerer und äußerer Qualen ließ sie sich überreden, ohne Ilse nach Montreux zu gehen. Ich hatte ihr versprechen müssen, die Schwester zu mir zu nehmen, und sie selbst überwachte noch ihre Übersiedlung in eine zufällig leere Wohnung neben uns.
Es war um die Weihnachtszeit; jene Zeit voller Geheimnisse und voller Freuden; jene Zeit, die ein Gott der Liebe wirklich geweiht zu haben scheint. Ich hatte dann immer alle Hände voll zu tun. In den Laden gehen und kaufen, das kann jeder, der einen vollen Beutel hat, auch im Alltag des Jahres. Aber den Wünschen derer, die man liebt, nachspüren, und sie mit eignen Händen zu erfüllen suchen, das kann nur, wer Festtagsstimmung hat.
Eine Götterburg baut' ich meinem Buben auf mit Wodan und Baldur, mit Loki im roten Feuerkleid und den Walküren in Schwanengewändern. Stets fehlte noch irgend was: ich mußte weit umherlaufen, um die Silberflügel für die Helme der Schlachtjungfrauen oder den goldenen Eber für Freyrs Wagen zu finden. Und ich war so müde, so schrecklich müde! Es war, als ob mein Körper täglich schwerer auf den Füßen lastete. Endlich war alles fertig. Ich lag erschöpft auf dem Sofa.
Wie schwach mir war und wie glühend heiß dabei! Mit einer letzten Kraftanstrengung schlich ich ins Schlafzimmer und legte mir den Fieberthermometer unter den Arm: 39½ — Ich rief nach Berta und schickte zum Arzt. Dann wußte ich nichts mehr von mir.
Erst allmählich sah ich schattenhaft Gestalten um mein Bett — Heinrich — den Arzt — die Pflegerin in der weißen Haube und — die Mutter! Wie hatte man sie nur rufen können, die arme, kranke Frau?! Oder, — eiskalt packte mich die Angst, — sollte ich sterben müssen?! Ich durfte doch gar nicht! Ich mußte den Weihnachtsbaum putzen für mein Kind! Unaufhaltsam liefen mir die Tränen über die Wangen.
Ich genas. Auf dem Sofa lag ich jetzt wieder, und über meine Decke ließ Ottochen alle Götter und alle Walküren reiten.
»Wie kam es nur,« wandte ich mich zur Mutter, die, noch schmaler geworden, im Stuhl neben mir lehnte, »wie kam es nur, daß du so plötzlich hier warst? Heinrich gab mir sein Wort, daß er dir nichts von meiner Erkrankung geschrieben hat, — und Ilse auch.«