Als wir gingen, stritt man sich noch immer in endlosen Reden über die Zulässigkeit des Antrags.

»Acht Tage läßt sich die Sache wohl noch hinziehen,« meinte einer unserer Reichstagsabgeordneten, den wir in der Wandelhalle trafen, »dann ist der Zolltarif angenommen. Ein Pyrrhussieg für die Rechte, — der Nagel zum Sarg für die Nationalliberalen!«

»Und hundert Mandate für uns!« fügte ein anderer frohlockend hinzu; »das wird ein Wahlkampf werden, der seinesgleichen nicht hatte!«

In einem Kaffee der Potsdamerstraße erwartete uns Weber. Fragend sah er von einem zum anderen. Mein Mann reichte ihm die Hand.

»Hier haben Sie mich, wenn Sie noch mögen. Auer sagt, wir würden die Eroberung von Frankfurt-Lebus nicht erleben, — das gab den Ausschlag. Die gebratenen Tauben, die in den Mund fliegen, schmecken mir nicht. Wir wollen uns zusammen ein Wild erjagen.«

Wir blieben noch lange beieinander. Weber erzählte von seinem eigenen Leben: wie er als armer Schustergeselle in die Welt hinausgewandert war, sich schließlich seßhaft gemacht hatte und anfing, sich emporzuarbeiten.

»Eine verbissene Zähigkeit gehört dazu, wenn's gelingen soll,« meinte er, »dieselbe Zähigkeit, die wir haben müssen, soll die Partei vom Flecke kommen. Nur ein paar solcher Genossen haben wir in Frankfurt, die seit Jahren den steinigen Boden beackern, unermüdlich, in täglicher Kleinarbeit, gegen den Haß und die Verfolgungssucht des ganzen bourgeoisen Klüngels, — und doch sind wir ein gut Stück weitergekommen. Seit zwanzig Jahren schau ich mir die alte rote Fahne an, die seit dem ersten Lassalleschen Arbeiterverein eingerollt im Winkel steht. Der schönste Tag meines Lebens wär's, wenn ich sie einmal flattern sehen könnte!« Und mit dem breiten Schusterdaumen wischte er sich einen feuchten Tropfen aus dem Augenwinkel.

Mit jedem neuen Tage wurde der Kampf im Reichstage brutaler; selbst die politisch Gleichgültigen wurden aufgerüttelt und verfolgten ihn mit gespannter Aufmerksamkeit. Durch Nachtsitzungen versuchte die Mehrheit die Kraft der Minderheit zu erschöpfen, aber mit trotziger Ausdauer hielt sie stand, und schob die Entscheidung durch endlose Reden immer wieder auf Tage und Stunden hinaus. Der gegenseitige Haß zerriß in zügelloser Leidenschaft alle Bande äußerer Gesittung. Konservative Abgeordnete bezeichneten die Arbeiter Berlins, die in riesigen Versammlungen gegen den Umsturz der Geschäftsordnung durch den Antrag Kardorff protestierten, als »skrophulöses Gesindel«, und ihre Presse forderte von der Regierung: »der Bestie den Zaum anzulegen«. Die »Bestie« blieb ihre Antwort nicht schuldig. Die größten Säle der Millionenstadt konnten die Menge nicht fassen, die nichts mehr war, als ein Wille: nieder mit der Reaktion! und eine Hoffnung: der Rachefeldzug der nächsten Wahlen. Und mehr und mehr tauchten Menschen in den Versammlungen auf, die nicht zum Proletariat gehörten. Bewunderung für die wilde Energie der kleinen Schar Belagerter riß so manchen aus dem politischen Schlummer, und der Groll führte andere hierher; sie fühlten ihre liberalen Interessen durch ihre eigenen Vertreter im Reichstag — die Bassermann, die Richter — schmählich verraten. Zu früh vernarbte Wunden brachen auf: die Erinnerung an die Lex Heinze erwachte, durch die Kunst und Wissenschaft tödlich getroffen worden wären, wenn die Roten im Reichstag sie nicht so wütend verteidigt hätten; und die Rede des Kaisers klang lauter, als da sie gehalten wurde, in die Ohren derer, die sich bisher vom Getümmel der Schlacht scheu vor ihre Staffelei und ihren Schreibtisch zurückgezogen hatten. »Eine Kunst, die sich über die von mir bezeichneten Gesetze und Schranken hinwegsetzt, ist keine Kunst mehr,« hatte er angesichts der vollendeten Standbilder in der Siegesallee erklärt, und die großen Eroberungen neuer künstlerischer Möglichkeiten, wie sie denen um Manet und van Gogh, um Liebermann und Klinger gelungen waren, als ein Niedersteigen in den Rinnstein bezeichnet. Jetzt rötete das Schamgefühl manchem die Wangen, der den Streich ruhig empfangen hatte. »Wahrlich, es gilt mehr als den Zolltarif,« sagte mir einer aus dem Kreise der Sezession, »es gilt die Verteidigung der ganzen modernen Entwicklung. Wenn es zu diesem Ende nichts anderes gibt, als den Stimmzettel, so werden auch wir uns seiner zu bedienen wissen.« Eine Revolte der Intellektuellen stand bevor, und im stillen hoffte ich wieder, daß sie zu einer Revolutionierung der Geister führen würde.

Aber auch die Gegner außerhalb des Reichstages rüsteten sich schon für die kommenden Wahlen. Was der Adel Preußens vor zwanzig Jahren noch für unmöglich gehalten hatte, das geschah. Junker und Fabrikant vereinigten sich, da der gemeinsame Feind drohte: die Sozialdemokratie. Und der Kaiser selbst wurde in diesem Kampf der erste Agitator: »Zerreißt das Tischtuch zwischen Euch und diesen Leuten, die Euch aufhetzen gegen Thron und Altar, um Euch zugleich auf das rücksichtsloseste auszubeuten und zu knechten —;« wie auf Windesflügeln durcheilten diese seine Worte, die er an eine Deputation von Arbeitern gerichtet hatte, das Reich, denn jeder Sozialdemokrat trug sie weiter. Und lauter, immer lauter wurde der Groll: »Wer anders beutet uns aus als die Zollwucherer, die uns das Fleisch vom Tisch nehmen und das Brot verteuern? Wer anders knechtet uns als die Stützen von Thron und Altar, die das Joch der Fronarbeit auf unsere Schultern laden?«

Während die Folgen der schweren Krankheit mir die agitatorische Tätigkeit noch unmöglich machten, stand mein Mann schon mitten im Wahlkampf. Er kam jedesmal hoffnungsvoller wieder, denn an der neuen Aufgabe wuchs seine Energie. Ich benutzte die Stunden der Alleinherrschaft über unseren Schreibtisch zur Abfassung einer Agitationsbroschüre, in der ich die politische Situation vom Standpunkt der Frau aus beleuchtete. Für den kommenden Wahlkampf sollte sie die Arbeiterinnen aufklären, anfeuern, mit Waffen versehen. Das Häuflein ihrer offiziellen Vertreterinnen hatte mich zwar hinausgeworfen, aber Hunderttausende gab es, zu denen ich sprechen konnte.