Der Präsident erhob sich und schwang die Glocke. Aber das Wort saß fest; flüsternd ging es schon durch die Menschenreihen auf den Tribünen.
Noch einmal übertönte Singers Rede den Sturm im Saal: »Mehr denn je wird das Recht der Minorität, sich gegen Vergewaltigungen zu wehren, zur heiligen Pflicht, wo es sich darum handelt, dem Volke ein Gesetz zu ersparen, das es der Not ausliefert, während es Ihre Taschen füllt ...«
Seine Fraktionskollegen umringten den Redner; einen Augenblick lang lag die Hand Theodor Barths in der seinen.
»Das Wort zur Geschäftsordnung hat der Herr Abgeordnete von Kardorff.«
Schon hatte sich Singer seinem Platz wieder zugewandt. Wie er den Namen hörte, drehte er sich um und blieb zwischen den Seinen stehen, groß, schwer, breitschultrig. Über ihm auf einer der Stufen, die zur Estrade führten, stand Bebel, die dunkelglühenden Augen fest auf den Redner gerichtet, während seine Finger sich nervös bewegten, sich spreizten und wieder zusammenzogen, als prüften sie ihre Kraft.
Ruhig, mit der ganzen Selbstbeherrschung des alten Aristokraten, begann Kardorff zu sprechen: »Wir sind der Überzeugung, daß der vorliegende Antrag das einzige Mittel ist, um die Tarifvorlage, deren Erledigung wir für ein großes vaterländisches Interesse halten ...«
»Vaterländisch?!« fragte jemand ironisch; ein schallendes Gelächter antwortete.
Der Redner gab sich nicht die Mühe, den Lärm zu überschreien. Gleichgültig sah er über die Menge hinweg und wartete, bis der Präsident die Ruhe wieder hergestellt hatte. Dann sprach er weiter, ohne die Stimme zu erheben, ohne Pathos. Er gab sich nicht die Mühe, überzeugen zu wollen; in seiner ganzen Art lag eine souveräne Verachtung des Gegners.
»...Daß die Mehrheit wichtige Gesetzesvorlagen auch gegen den Willen der Minorität durchsetzt, ist eine grundlegende Forderung unseres konstitutionellen Lebens...«
Tosender Lärm unterbrach ihn. Aus dem dichtgedrängten Haufen, der sich allmählich immer näher zur Rednertribüne emporschob, erhoben sich geballte Fäuste. »Räuber!« — »Taschendieb!« — »Volksverräter! —«, wie Peitschenhiebe pfiff und sauste es durch die Luft. Die Mitglieder der Rechten erhoben sich und besetzten wie zum Schutz die andere Seite der Treppe. Kardorff sprach weiter. Sein Gesicht war um einen Schein blasser geworden, und seine schmalen Hände umklammerten krampfhaft das Pult. Hier stand nicht mehr der einzelne, der um einen momentanen Vorteil kämpft, — in diesem Mann erhob sich vielmehr die alte Welt wider die neue und umgab seinen scharf geschnittenen Aristokratenkopf mit dem dunklen Glanz tragischer Größe.