Unsere Gäste gratulierten uns, — aber sie hatten doch viel Bedenken, ob unser Plan durchführbar sei. Sie anerkannten die Wichtigkeit der Aufgabe, die wir uns gestellt hatten, — aber an der Stärke der Wirkung zweifelten sie. Ihre rege Mitarbeit versprachen alle, — aber ohne den Enthusiasmus für die Sache, den ich erwartet hatte. Der Name der Zeitschrift wurde bestimmt: Die Neue Gesellschaft; die Zeit ihres Erscheinens wurde festgesetzt: nach den Wahlen, nach dem Parteitag. — Es war eine nützliche und verständige Besprechung, die wir hatten, aber wir feierten kein Fest. Die vielen Blumen auf meinem Tisch taten mir leid.
Was ich schon oft empfunden hatte, das verstärkte sich jetzt: der Revisionismus besaß den Verstand und die Einsicht des Alters, das Feuer der Jugend war ihm jedoch darüber verloren gegangen. Wer aber die Zukunft erobern will, der muß es erhalten, muß es mit seiner Liebe, seinem Haß, seiner Hoffnung nähren, damit es weithin leuchtet und wärmt, und die Fackeln derer, die ihm folgen, sich daran entzünden können.
An einem frühen Märzmorgen des Jahres 1903 war ich zu meiner ersten Wahlagitation von Berlin weggefahren, das grau und grämlich, jenseits aller Jahreszeit, den Schlaf noch in den Augen hatte. In Gusow verließ ich den Zug. Auf dem Bahnsteig stand ein Mann, die Schirmmütze keck auf ein Ohr gezogen, eine Nummer unserer märkischen Parteizeitung in der Hand — unser Erkennungszeichen. Er lachte mich fröhlich an.
»Ich bin der Jenosse Merten,« sagte er. »So was war noch nich da in Jusow und Platkow. Alles, aber auch alles lauert auf Ihnen —«
Wir stiegen in ein klappriges Wägelchen und fuhren zwischen Weiden und Erlen die Straße hinauf. Überrascht sah ich um mich. Ich hatte es gar nicht gewußt, daß es schon Frühling geworden war!
»Welch eine Luft!« sagte ich mit tiefen Atemzügen.
»Nich war, jut ist sie!« antwortete mein Begleiter mit einem Stolz, als wäre sie sein eigenstes Werk. »Wenn die nich wäre, wir gingen längst auf und davon. Aber wenn wir — meine Kollegen und ich — Sonnabends von der Arbeet aus Berlin nach Hause fahren und unsere Kinder kommen uns entgegen, nich so blaß und dünn wie die berliner Jöhren, und wir können im Jarten in der Laube sitzen, an unserem eigenen Jemüse rumpusseln und an unseren Obstbäumen, — dann vergessen wir gern die Plackerei der ganzen Woche.« Wir begegneten vielen Fußgängern. Er grüßte nach rechts und links. »Kommst du ooch nach Platkow?« redete er sie an.
»Jawoll —« »Natierlich,« riefen sie.
»Sind das alles Maurer? fragte ich.
»Wo denken Sie hin,« antwortete er, »da sind Landarbeeter mang, sogar Bauern. Heute kommt alles zu uns. Die haben ja nie in ihrem Leben 'ne Frau reden jehört.«