Mitten auf der Straße, wo die Aussicht am freiesten war, ließ er den kräftigen Braunen halten.
»Das ist das Oderbruch,« erklärte er und wies nach links, wo sich das Land weit, endlos weit in der Ferne verlor, und darauf verstreut, wie Spielzeug, zwischen knorrigen Bäumen, rotbedachte Häuschen und Kirchen mit breiten Türmen hervorsahen. Blaßblau, wie von durchsichtigem Kristall, wölbte sich die Himmelsglocke über der Ebene. Aus den dunkeln Ackerfurchen stieg lebenverkündend ein würziger Geruch. Vergessene Geschichten fielen mir ein: vom alten Fritz, der dies fruchtbare Land dem Wasser abgetrotzt hatte, von all den märkischen Junkern, den Itzenplitz, den Marwitz, den Finkenstein, die hier ringsum seit Generationen die Herren waren. Mein Begleiter zeigte nach rechts, wo der Boden sich hob und Wälder den Horizont begrenzten.
»Hier oben sind die Rittergüter, da sitzen lauter Agrarier, — unsere ärgsten Feinde,« erzählte er. »Die sind schlau gewesen, von Anfang an. Haben sich die guten Stellen gesichert, wo das Wasser sie nicht erreichen konnte; während die Bauern unten alljährlich drauf gefaßt sein mußten, daß es ihre arme Kate davontrug. Sie kennen doch die Jeschichte, die unsere Kinder in der Schule lernen müssen: ›Hier habe ich in Frieden eine Provinz erobert,‹ soll König Friedrich gesagt haben, als er mal hier in die Jegend kam. So'n Mumpitz! Als ob es nich arme Luders wie wir gewesen wären, die die Kanäle gruben und die Dämme aufwarfen!«
»Aber den Gedanken hat doch der König gehabt,« meinte ich.
Ein mißtrauischer Blick streifte mich. »Für'n König mag das freilich ooch schon 'ne Anstrengung gewesen sein!« spottete er.
Eine breite Kastanienallee führte in das Dorf Gusow. Einstöckige Häuser, mit weißen Vorhängen an blanken Fenstern, umgaben in weitem Bogen den Dorfteich, seitwärts öffnete sich der kiesbestreute Weg zum Schloß, dem einstigen Besitztum des alten Derfflinger, und zur Kirche, unter deren Altar seine Gebeine ruhten. Mein Begleiter sah nach der Uhr.
»Was meinen Sie, wenn wir zu Fuß durch den Park gingen? Sie glauben nich, wie schön der ist!« Dabei bekam sein breites Gesicht einen fast schwärmerischen Ausdruck.
An dem stillen Schloß vorbei betraten wir den Park. Weite Rasenflächen dehnten sich vor der Terrasse, mit einem lichten Schimmer jungen Grüns überzogen. Zu Füßen uralter Eichen, die schwarz gegen den hellen Himmel standen, guckten Schneeglöckchen neugierig aus der Erde hervor und Krokusblüten schlugen verwundert ihre blauen Augen auf. Ein schmaler Pfad wand sich zwischen hohem Gebüsch, das plötzlich zur Seite wich, um dem Wunder fremdartig märchenhafter Bäume Platz zu machen; grau schimmerten ihre Stämme wie Granit, und graue Wurzeln krochen knorrig über das dunkle Moos des Bodens.
»Zedern sind es,« sagte mein Begleiter, »Zedern vom Libanon;« und blickte bewundernd auf den Traum des Südens. Über uns in den Kronen der Bäume brauste der Frühlingssturm. Nach seiner Melodie wiegten sich schlanke Birken, und krachend splitterten von Eichen und Linden die dürren Äste.
Mein Begleiter kannte jeden Platz im Park und jede Pflanze, — mit scheuer Zärtlichkeit strichen seine rissigen Hände über die ersten kleinen Knöspchen an den Sträuchern.