»Daß Sie in der Stadt arbeiten, wo Sie das Land so lieben!« staunte ich.

Er schüttelte sich: »Landarbeeter?! Nee! Das is nischt for unsereens!«

Wir näherten uns Platkow, dem nahen Ziel unserer Fahrt.

»Sehen Se mal hier die wackeligen Buden an,« sagte Merten, »Strohdächer, — Fenster, wie Mauselöcher, Türen, daß sich ein ordentlicher Mann bücken muß, — wahrscheinlich, damit man's nich verlernt! Nischt als Leisetreter gab's hier, die die Mütze bis auf die Erde zogen, wenn die herrschaftliche Kutsche sie mit Dreck bespritzte! Aber nu wird's anders, sage ich Ihnen, janz anders —« dabei strahlte er förmlich — »sehen Sie dort, das Weiße, das ist unser Gewerkschaftshaus!«

Mitten in diesem agrarischen Winkel, der der Agitation der Partei so gut wie unzugänglich gewesen war, weil kein Lokal ihren Versammlungen zur Verfügung stand, hatten die Bauarbeiter sich ihr eigenes Haus errichtet. Die Ortspolizei verweigerte ihnen zwar die Schankkonzession, aber sie hatten ein Dach über dem Kopf, einen freien Raum zu freier Rede.

»Sie hätten die Bauern sehen sollen, wie unser Haus eins — zwei — drei, haste nich jesehn! aus der Sandkule herauswuchs!« erzählte Merten. »Wir hatten ja nur Sonntags Zeit zur Arbeet, aber die Steene flogen man so. An eenem Sonntag in aller Frühe, als sie nach Jusow zur Kirche fuhren, fingen wir zu buddeln an, und als sie nach dem letzten Amen wieder vorbeikamen, sahen die Mauern schon aus der Erde!«

Der Wagen hielt. Der ganze Platz stand voll Menschen. Sie schoben sich hinter mir in den kleinen Saal; auf den Bänken an den Wänden saßen schon die Frauen mit heißen Gesichtern.

Ich sprach vom Sturm, der draußen den Staub von den Dächern fegte und alles Morsche zu Boden riß. Und von dem Sturm des Sozialismus. Ich schilderte die politische Lage Deutschlands und zählte die Sünden der Regierung und der Reichstagsmehrheit auf vom Zuchthauskurs bis zum Zollraub, ich erzählte von den Milliarden, die dem armen Mann in Gestalt von indirekten Steuern, Zöllen und Liebesgaben aus dem schmalen Beutel gezogen werden, während sein Weib daheim im kleinen Haushalt seufzend mit jedem Pfennig rechnen muß. An der Hand der Untersuchungen bürgerlicher Gelehrter wies ich nach, wie die Verteuerung der Lebensmittel auf die Steigerung des Alkoholismus, der Kriminalität, der Lungentuberkulose wirkt. Ich zog die ärztlichen Forschungen heran, um zu zeigen, wie ganze Volkskreise entarten, wenn die Ernährung eine unzureichende ist: »Schwächerer Wille, schneller versagende Aufmerksamkeit, raschere Erschöpfung sind die Folgen einer Politik, die das Wohl des Volks, die Liebe zum Vaterland ständig im Munde führt, in der Tat aber die Leistungsfähigkeit der Arbeiter untergräbt, und unsere Stellung auf dem Weltmarkt erschüttert. Die wirtschaftliche Krise, unter der wir alle leiden, die Zunahme der Arbeitslosigkeit mit ihrem Gefolge von Kinderjammer und Frauenausbeutung sind ein Beweis dafür. Keine ›gepanzerte Faust‹ kann uns davor retten ... Einmal im Laufe von fünf Jahren ist es jedem Deutschen vergönnt, Urteil zu sprechen über die, die sein Schicksal sind. Des Volkes Not und Unterdrückung liegt auf der einen Schale der Wage, des Volkes Glück und Freiheit auf der anderen. Wir, die ›Vaterlandslosen‹, wir, die ›Elenden‹, wir, die ›Rotte von Menschen, nicht wert, den Namen Deutsche zu tragen‹, machen unser Urteil davon abhängig, welche Seite der Wage schwerer wiegt ...«

Man hatte mir bewegungslos zugehört, die Frauen, mit den Händen gefaltet im Schoß, die Männer, ohne den Blick von mir zu wenden. Nur hie und da sah ich ein zustimmendes Nicken. Das Volk dieser kargen Erde trug sein Herz nicht auf den Lippen und wußte nichts von der Reaktion empfindlicher Nerven, worin oft der ganze Beifall des Städters besteht. Aber nachher, als ich nicht mehr über ihnen stand, ging ein Fragen und Erzählen an, das mehr als jedes Händeklatschen bewies, wie jedes Wort vom durstenden Boden ihres Innern aufgenommen worden war. Freilich: im engsten Kreise eigenen Lebens drehten sich ihre Interessen, aber ein jeder umschloß das große Leid der Welt.

Ich wurde in Arbeiterhäuser geführt: so klein, so arm, so eng. »Und hier is doch so ville Sand, auf dem jut noch zehn Häuser stehen könnten!«