»Wie Sie das verantworten können!« brach Romberg los, der bis dahin kein Wort gesprochen und den armen Leuten, zwischen denen er gesessen hatte, sein Unbehagen so deutlich fühlen ließ, daß ich schon bedauerte, ihn mitgenommen zu haben. Jetzt fuhr ich aus dem Halbschlaf auf.
»Ich verstehe Sie nicht!« sagte ich.
»Um so schlimmer!« rief er. »Sie nehmen diesen Menschen das einzige, was sie besitzen, was ihnen das Leben erträglich machte: ihre Unwissenheit, ihren Stumpfsinn, — ohne ihnen irgend etwas dafür geben zu können.«
»Wie, das Erwachen aus der Lethargie wäre nichts?!« entgegnete ich heftig. »Sich durch die Teilnahme an dem Befreiungswerk der Klassengenossen über sich selbst und sein kleines Schicksal hinauszuheben, — das wäre nichts?! Von Ihnen hörte ich zuerst das Wort von der Politik der Starken. Das ist mein Leitmotiv. Ohne die Disharmonien des aufwühlenden Schmerzes, ohne die Grau samkeit der Erkenntnis gibt es nicht den starken Akkord ihrer Lösung.«
»Und wie steht's mit denen, die daran zugrunde gehen?!«
»Sie wären auch am Leben zugrunde gegangen!«
Mit einem fremden Blick, der mir zu meinem eigenen Erstaunen wehe tat, streifte er mich.
»Ist Weichheit und Schwäche auch für Sie noch ein Attribut der Weiblichkeit?« fragte ich, und das Herz klopfte mir, als fürchtete ich die Antwort.
»Ich weiß selbst nicht recht —,« meinte er zögernd. »Aber daran soll unsere Freundschaft nicht Schiffbruch leiden.«
»Haben Sie gar keine Zeit mehr für mich?« fing er nach einer Pause wieder zu sprechen an, als der Zug sich Berlin schon näherte. Ich sah auf. »Ich möchte, daß Sie wenigstens zwischendurch wieder ein Kulturmensch werden!«