Ohne rechte Lust, nur um ihn nicht wieder zu verletzen, versprach ich ihm, mich am nächsten Tag seiner Führung zur »Kultur« anzuvertrauen. Am Bahnhof empfing uns Heinrich, der eine Stunde früher aus einer anderen Gegend seines Wahlkreises zurückgekehrt war. Wir waren beide so erfüllt von unseren Erlebnissen, daß wir im Eifer des Erzählens Romberg fast vergaßen. Er verabschiedete sich steif und verstimmt.

»Bildung und Politik sind für mich schwer vereinbare Begriffe —,« sagte er am nächsten Morgen, als wir zusammen in die Stadt gingen.

»Sie scheinen einem Wechsel der Stimmungen unterworfen, der bisher nur einer Frau gestattet war,« entgegnete ich ärgerlich. »Es ist noch nicht lange her, daß Sie mit einer Begeisterung, die ich nicht vergessen habe, die Sozialdemokratie als die bedeutsamste Erscheinung der Zeit feierten.«

Er lächelte. »Frauenlogik! Es tut mir ordentlich wohl, diesen weiblichen Zug bei Ihnen zu finden! Was hat mein Urteil über den Klassenkampf des Proletariats mit meiner Meinung über die Beteiligung des Gebildeten an der Politik zu tun?! Wir sollten um höhere Werte ringen —«

»Gibt es höhere, als die Befreiung der Menschheit von all den Fesseln, die sie an die Erde schmieden und ihren Höhenflug hemmen?!« unterbrach ich ihn erregt.

»Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, — die alte Parole, unter der schon die Bastille gestürmt wurde,« entgegnete er mit spöttischem Lächeln; »fügen Sie noch das Ideal des Christentums, — die selbstentsagende Nächstenliebe hinzu, so beweist das alles, wie unsäglich arm eine Zeit sein muß, die selbst einer so gewaltigen Bewegung wie der des Proletariats keine neuen Ideale hat schaffen können.«

Seine Worte begegneten einem noch unklaren Empfinden, das ich um so energischer zu unterdrücken gesucht hatte, als mir die Wege dunkel erschienen waren, zu denen es hätte führen können.

Wir traten in den modernsten Kunstsalon Berlins. Der Holzbogen der Eingangshalle, der in seinen geschwungenen Linien alle Sprödigkeit des Materials siegreich überwunden hatte, empfing mit weit ausgebreiteten Armen die Besucher. In hellen Vitrinen, durch unsichtbare Lichtspender von innen strahlend, lagen auf grauem Samt Gürtel, Schnallen, Armreifen und Diademe; Vogelgefieder und Schmetterlingsflügel aus durchsichtigem Email vereinten sich mit dunklem Gold, mattem Silber; Perlen in phantastischen Formen standen neben Edelsteinen von unerhörter Farbenpracht —

»Ein Schmuck für Märchenprinzessinnen, von einem Dichter geschaffen,« sagte Romberg bewundernd und versenkte sich in den Anblick. Er mochte weißer Arme gedenken und schimmernder Nacken und holder Frauenköpfe mit lachenden Lippen und duftenden Locken. In meinen Augen aber hafteten andere Bilder: rissige Hände, gebeugte Rücken, sorgendurchfurchte Gesichter —, ich wandte mich ab, im Innersten verletzt.

Der nächste Raum war voll sanften Lichtes und tiefer, weicher Sessel.