Wir gingen durch die Wahllokale. Vormittags stellten sich allmählich die Bürger ein, ruhigen Schrittes, ohne sonderliche Erregung; mit dem Zwölfuhrglockenschlag wurde es auf den Straßen lebendig, und durch die Türen schoben sich die Arbeiter, beschmutzt, verstaubt, wie die Fabrik und der Bau sie entlassen hatte. Die Bezirksleiter notierten jeden, der sich meldete, strichen an, wer noch fehlte, gaben Weisung an die ihrer Aufgabe wartenden Frauen. Und die suchten dann die Säumigen in den Wohnungen, auf den Arbeitsstätten. Nachmittags lag wieder sommerliche Stille über der Stadt. Dann aber, als der Himmel sich schon mit rosigen Wolken überzog, hallte das Pflaster wider von raschen Tritten. Sie kamen in Scharen: die jungen, rüstigen voran, und zuletzt, von Frauen, von Kindern geführt, Alte, Kranke und Krüppel. Der Zettel in ihrer Hand, das war ihr einziges, freies Mannesrecht, damit waren sie an diesem einen Tage die Gestalter ihres Geschicks.

Es dämmerte. In den Wahllokalen saßen unter spärlichen Gasflammen, vor rauchenden Petroleumlampen die Zähler. Wenn wir eintraten, bedurfte es keiner erklärenden Worte, die leersten Gesichter waren sprechend geworden: Furcht und Hoffnung, Zorn und Siegeszuversicht drückte sich in ihnen aus.

Schon brannten die Laternen in den Straßen. Im Hause, wo die Partei ihr Bureau aufgeschlagen hatte, waren alle Fenster erleuchtet. Im Saal oben war es noch leer; nur der Vorstand des Wahlvereins harrte vor dem Tisch mit dem großen Tintenfaß und den unbeschriebenen weißen Blättern der kommenden Dinge. Sie grüßten uns kopfnickend, sie waren blaß und schweigsam vor Erregung. Über Webers Stirn standen helle Schweißtropfen, seine blanken Augen waren verschleiert. Wir setzten uns. Nach und nach füllte sich der Raum. Lauter Schweigende. Die Minuten schlichen wie ebenso viele Stunden. Endlich der erste Radler! Gleich darauf der zweite, der dritte, der vierte — die Wahlbezirke der Stadt.

»Schlecht steht's!« knirschte der eine und warf den Zettel auf den Tisch.

»Der Westen Frankfurts —,« sagte Weber, »immerhin: zum erstenmal Stimmen für den Sozi! — Das Zentrum, — na, besser hätt's sein dürfen! — Und die Vorstadt, pfui Teufel, das sind die Eisenbahner, die auf Kommando wählten! — Aber hier —,« sein Gesicht strahlte — »das reißt die ganze Stadt heraus!«

»Hurra!« rief einer und schwenkte die alte Soldatenmütze zum offenen Fenster hinaus.

»Bravo!« antwortete es vielstimmig von unten.

Wieder verrannen Viertelstunden. Schon waren alle Plätze an den langen Tischen besetzt.

»Warum dauert das nur so lang —,« seufzte ich.

»Die Radler aus dem Oderbruch können noch nicht hier sein —,« sagte Weber, der wieder und wieder nach der Uhr sah.