»Telegramme!« schrie jemand. Der Postbote drängte sich durch die Reihen.
Mit bebenden Fingern riß Weber sie auf: »Berlin erobert! — Ganz Sachsen unser —!«
Ein Jubelruf, der sich wieder bis auf die Straße weiterpflanzte, aber rasch verklang. Das Schweigen war eine einzige Frage. »Und wir?!« — Jetzt aber tönte von unten ein donnerndes »Hoch!« Wir stürzten zum Fenster: über das Pflaster sprangen Lichter in langer Kette, Räder blitzten auf —, die Treppen stürmte es empor: atemlos, blaurot, mit zitternden Knien standen sie vor uns, die Männer aus dem Oderbruch. Sie waren keines Wortes mächtig, aber die Tränen, die hellen Freudentränen tropften ihnen über die Wangen. Mit einer fast feierlichen Gebärde breitete Weber die Botschaften vor uns aus. Hunderte von Stimmen hatten wir gewonnen. Dicht unter den Augen der Gegner, auf Gutshöfen, in Dörfern hatten die Landleute für uns gestimmt. Stumm streckte ich dem Maurer Merten die Hand entgegen. Er hielt sie lange zwischen seinen harten Fingern.
Jetzt standen die Menschen schon Kopf an Kopf. Noch fehlten die entferntesten Bezirke, — Buckow, Fürstenwalde. »Entschieden ist noch nichts,« murmelte Weber angstvoll.
Wieder ein Lärm auf der Straße. »Die Oderzeitung bringt ein Extrablatt!« schrieen sie zu uns empor. In weitem Bogen flog es von der Tür über die Köpfe hinweg auf unseren Tisch: »Depeschen aus Süddeutschland — München, Nürnberg, Bayreuth, Stuttgart, Darmstadt — alles unser!«
Und nun löste ein Depeschenbote den anderen ab; jede Siegesnachricht steigerte die elektrische Spannung, selbst die Nachtluft draußen schien erfüllt von ihr.
Zu elf dumpfen Schlägen holte die Uhr auf der Marienkirche aus.
»Im Haus der Oderzeitung löschen sie die Lampen,« — rief ein junger Bursche, und brach sich mit Ellbogenstößen freie Bahn in den Saal. Die Gesichter ringsum erhellten sich.
Eine Gärtnersfrau, der ausdauerndsten eine im Heranholen säumiger Wähler, nahm aus ihrem bis dahin sorgfältig gehüteten Korb einen großen Strauß roter Nelken und stellte ihn vor uns auf den Tisch. — »Ist's nicht zu früh?!« — Ein Brausen lag in der Luft, — war's nicht das pochende Blut in meinen Schläfen? Oder waren's die vielen Stimmen vor dem Haus?
»Die ganze Straße steht schwarz voll Menschen,« flüsterte ein baumlanger Arbeiter neben mir in scheuer Angst. Es war heiß, — glühend heiß im Saal, und doch schien mir, als müßten alle frieren wie ich.