Da — »Fürstenwalde!« und wie ein Echo: »Buckow!« Weber war weiß im Gesicht, — sekundenlang bohrten sich seine Augen in das Papier. Wir hielten den Atem an, — dann stieß er mit rauher Stimme ein einziges Wort hervor: »Gesiegt!«

Einen Augenblick war es noch still. Einem alten Mann, den ich nicht kannte, und der bis zu mir vorgedrängt worden war, drückte ich krampfhaft die Hand. Dann brach es los wie Gewittersturm. Das schrie, das jauchzte, das schluchzte —, alte Männer fielen einander um den Hals, Frauen verbargen die Gesichter an den Schultern der Nächsten. Und draußen zerriß ein einziger Jubelruf die Stille der Nacht. Sie riefen nach ihrem Gewählten.

Auf die Fensterbrüstung trat er. »Nicht mir dieses Hoch, Parteigenossen —,« und seine tiefe Stimme klang voll und warm und die Luft selbst schien sie weiter und weiter zu tragen, »— Euch vielmehr, die ihr den Sieg erkämpftet, und unserer großen Sache vor allem, die die Siegesgewißheit in sich trägt! Ein Hoch der Sozialdemokratie, ein dreifaches Hoch!« Und wieder brauste es, als schlügen orkangepeitschte Wellen an Felsenriffe.

Inzwischen war Weber still beiseite gegangen. Nun kam er zurück. Er trug die alte Fahne, von grauen Tüchern umwunden. Dicht vor dem Fenster nahm er langsam die Hülle ab, hob die schwere Stange hinaus, und das rote Tuch rollte auseinander und wehte, aufglühend, wo das Licht es traf, wie entfachte Flammen über die stumme Menge.

»Genossin Brandt! — — Alix Brandt!« — Riefen sie mich?! — Man schob mich zum Fenster, — man hob mich empor, — ich sah keine Menschen, ich sah nur ein wogendes Meer, — ohne Anfang, ohne Ende. Und ich streckte die Arme weit aus —

Vierzehntes Kapitel

Alle Vorbereitungen für das Erscheinen der Gesellschaft waren getroffen. Es sollte eine Zeitschrift großen Stiles werden. Hervorragende Parteigenossen des In- und Auslandes hatten uns ihre Mitarbeit zugesagt. Eine junge Künstlerin, von der Idee, die uns leitete, gepackt, hatte den Umschlag gezeichnet: schwarze Fabriken, aus deren Essen die Feuerflammen der kommenden Zeit emporschlagen. Es gab Leute, die angesichts der schönen Ausstattung, des niedrigen Preises und der hohen Honorare, die wir festgesetzt hatten, bedenklich die Köpfe schüttelten. Aber der Dreimillionen-Sieg der Partei hatte den Glauben an unsere Sache, den wir von jeher besessen hatten, nur noch gestärkt. Jetzt war wirklich die Zeit gekommen, wo die Sozialdemokratie eine Macht im Staate zu werden begann, wo sie vor der Aufgabe stand, selbständig praktische Politik zu treiben. Breite Schichten der Arbeiterschaft, die erstarkten Gewerkschaften an der Spitze, verlangten danach, und die Masse der Mitläufer, die unseren Sieg hatte vergrößern helfen, war zweifellos nicht durch die ferne Aussicht auf den Zukunftsstaat zu uns gekommen, sondern durch die Hoffnung auf Reformen der Gegenwart.

Eines Morgens kam Heinrich verärgert aus dem Bureau: »Der Lindner läuft umher wie die Jungfrau von Orleans: ›und mich, die all dies Herrliche vollendet, mich freut es nicht, das allgemeine Glück‹. Sollten die Schwarzseher ihn schon beeinflußt haben?! Das könnte mir passen!«

Wir hörten eine Woche lang nichts von ihm. Dann kam ein Brief; — während mein Mann ihn überflog, veränderten sich seine Züge: »Hier hast du den Wisch,« rief er wütend und warf die Türe hinter sich ins Schloß.

»Da ich mich überzeugt habe, daß ein gedeihliches Zusammenarbeiten zwischen uns nicht erreichbar sein wird, trete ich von unserem Vertrag zurück —,« las ich.