Was ich erlebte, war nur ein Teil dessen, was allen begegnete, die unter dem Namen Revisionisten zusammen gefaßt wurden. Das zahnlose alte Weib, der Klatsch, ging um mit den ewig beweglichen Lippen und den dürren Fingern, die in jeder Gosse gierig wühlen. Als Mandatsjäger wurde der eine verdächtigt, als lügnerischer Verleumder Bebels der andere. Und wessen wir bisher fälschlich beschuldigt worden waren, — eine geschlossene Gruppe zu sein, — das machte die Verfolgung aus uns. Den Kopf umnebelt von den giftigen Dünsten, die rings um uns aufstiegen, erschien uns der Haß der Personen, die uns bekämpften, als das Primäre; kaum einer war, der noch wußte, daß es der Gegensatz der Anschauungen war, der ihn zeugte, und niemand gab zu, daß Bebel recht hatte, wenn er an kleinen Symptomen die ganze Richtung erkannte, — die Richtung, die seinen tiefgewurzelten Prophetenglauben, aus dem er die ganze Schwungkraft seiner Lebensarbeit sog, erschüttern mußte, wenn sie zur allgemeinen Anerkennung kam.

Wie sich sein Zorn und derer um ihn auf die Einzelnen entlud, die im Augenblick als die Sünder erschienen, so entlud sich der unsere auf einen Mann, der seit Jahren das Feuer schürte, das uns verbrennen sollte, der, ohne sich jemals in das Gewühl der Volksversammlung zu wagen, von der Abgeschiedenheit seiner Studierstube aus Jeden verfolgte, der kein Buchstabengläubiger des Marxismus war. Seine glänzende journalistische Fähigkeit hatte ihm seine Stellung geschaffen; die fanatische Rücksichtslosigkeit, mit der er seine Gegner verfolgte, hatte sie erhalten helfen. Niemand wagte, sich ihm entgegenzustellen. Selbst seine Gesinnungsfreunde fürchteten ihn, denn er haßte heute, was er gestern noch liebte.

»Er ist das böse Prinzip der Partei,« hieß es in unserem Kreise, während tatsächlich nur der konservative Radikalismus mit all seiner Unduldsamkeit, all seinem Dogmenglauben in ihm Fleisch geworden war.

»Wenn wir die Partei von ihm befreien können, so haben wir sie gerettet,« erklärten unsere Freunde.

Meinen Mann packte der Gedanke wie keinen. Noch immer hatte seine überschäumende Willenskraft sich an Aufgaben erproben wollen, die niemand sonst übernahm. Er hörte um so weniger auf die warnenden Stimmen, die sich erhoben, als ich ihn in seinem Vorhaben nur bestärkte. Die Partei aus der inneren Zerrüttung erretten, in der sie sich befand, sie einer neuen gesicherten Einheit entgegenführen, — keine Aufgabe wäre mir im Augenblick größer erschienen.

Es war am Abend vor unserer Abreise nach Dresden, wo der Parteitag stattfand.

»Es wird ein Kampf bis aufs Messer,« sagte Heinrich; »aber was auch kommen mag, mich soll's nicht kränken, wenn ich nur deiner sicher bin!«

Ich legte beide Arme um seinen Hals: »Du kannst es, Heinz! Noch niemals liebte ich dich so wie heut!« Und zärtlich schmiegte ich meinen Kopf an seine Schulter, während mein Auge in demütiger Liebe an dem seinen hing.

»Ihr törichten Frauen wollt in den Männern immer nur Helden sehen,« meinte er. Seine Lippen brannten auf meinem Mund. Wir vergaßen der Ehe, wie in allen glücklichen Stunden unseres Lebens; — der Ehe, die alle Geheimnisse schamlos ihrer Schleier beraubt, so daß die Liebe, die nur von Sehnsucht lebt, sterben muß.

Gegen Morgen weckte mich ein Schrei. Ich fuhr entsetzt aus dem Schlaf.