»Das wäre noch schöner!« antwortete er heftig. »Wegen eines Schnupfens, den der Junge im schlimmsten Fall kriegen wird, willst du in diesem Augenblick mich und die Sache im Stiche lassen!«
Ich fühlte, wie das Blut mir siedendheiß in das Antlitz schoß: »So sprich doch wenigstens leise —«
Aber Heinrich wollte nicht hören: »Du weißt, was auf dem Spiele steht, — du kommst mit,« schrie er mich an, und seine Hand umkrallte meinen Arm.
»Und wenn die ganze Partei darüber zugrunde ginge, — ich bleibe hier,« zischte ich, außer mir vor Empörung.
»Mama, — Mama!« rief eine süße weinende Stimme. Der Kleine stand auf der Schwelle, mit angstvoll aufgerissenen Augen, wie im Schwindel auf den bloßen Füßchen hin und her schwankend. Auf meinen Armen trug ich ihn ins Bett zurück und riegelte die Tür hinter uns zu. Nach kurzer Zeit hörte ich Heinrich das Haus verlassen. Ich fühlte keinen Schmerz, — nur eine ungeheure Leere in meinem Herzen. Darüber nachzugrübeln, war ich nicht imstande: in wilden Fieberphantasien wälzte sich mein Kind auf seinem Lager.
Kaum in Dresden angekommen, telegraphierte mir mein Mann: »Verzeih. Wie geht es?« Mußte ich ihm nicht jetzt, wo er so schweren Stunden entgegenging, die Wahrheit schonend verschweigen?! Aber warum diese Rücksicht?! War er doch mehr als schonungslos, war grausam gewesen! Nie würde ich ihm das verzeihen können!
»Otto schwere Blinddarmentzündung,« antwortete ich kurz, dem Ergebnis der ärztlichen Untersuchung entsprechend.
Zwei Tage vergingen und zwei Nächte. Noch immer stieg das Fieber; der kleine Körper krümmte sich vor Schmerzen. Die Schreie der Angst wurden schwächer; an ihre Stelle trat ein Wimmern — jammervoll, ununterbrochen. Ich wich nicht von dem kleinen Bett. Wenn ich die Hand auf das heiße Köpfchen des Kranken legte, schien er für Augenblicke ruhiger, wenn ich mich ganz dicht an ihn schmiegte, verlor sein Blick den Ausdruck tiefen Entsetzens. Einmal glaubte ich schon beglückt, er schliefe. Da riß er sich ungestüm aus meinen Armen, richtete sich hoch auf, starrte mich verständnislos an und schrie: »Mama, — Mama, — warum bist du so weit, — so weit weg, — ich sehe dich gar nicht mehr —« und in verzweifeltem Schluchzen bebten seine Schultern. Das Herz krampfte sich mir zusammen, — und doch hatte ich noch Kraft genug ihm beruhigend zuzulächeln, während ich den kleinen Körper wieder in nasse Tücher hüllte. Er wurde still, er schloß die Augen, er atmete regelmäßiger. Aber in meinen Ohren dröhnten seine Worte: warum bist du so weit weg! Er hatte mich angeklagt, — und ich sprach mich schuldig: War ich nicht Tage, Wochen, Monde lang von meinem Sohn »weit weg« gewesen?! War nicht auf seinen Gedankenwegen mit ihm gegangen, — hatte nicht mit seinem Herzen gefühlt, — mit seinen Augen gesehen? Wenn er nun mich verlassen wollte?! Ich dachte den Gedanken nicht zu Ende. An seinem Bette sank ich in die Kniee; ich faltete die Hände auf seinen Kissen; — ich betete. Nicht zu den Schutzengeln, die mir ein Märchen waren, nicht zu dem Christengott, den ich nicht kannte. Mein Gebet war voll Frömmigkeit, ob es auch keine Worte hatte, mein Gebet war voll Glauben, ob es auch glaubenslos war, mein Gebet war voll Kraft, denn es richtete sich nicht gen Himmel, — es brachte dem Heiligtum des Lebens mich selbst zum Opfer dar ...
Der grauende Tag kroch durch die Fenster. Mein Kind schlief mit einem Lächeln um die blassen Lippen. Ich küßte es leise. Mir war, als wäre ich erst in der letzten Nacht seine Mutter geworden.
Draußen läutete es. Es war der Telegraphenbote: »Wie geht es? Rege dich über Zeitungen nicht auf.« Ich mußte den zweiten Satz noch einmal lesen; gab es noch irgend etwas in der Welt, über das ich mich nach dieser Nacht hätte aufregen können?! Ja so! Der Parteitag, — ich hatte nichts gelesen. »Otto besser. Bin ruhig. Wünsche dir das Beste,« antwortete ich.