Ich wurde merkwürdig ruhig. Ich spielte lächelnd mit meinem Sohn, der sich langsam erholte. Es gab Stunden, in denen ich dem Schicksal dankbar war, das mich an diese Stelle zwang, das es mir deutlicher sagte, als Worte es je vermocht hätten: dein Kind allein ist deine Welt.
Fast mechanisch, interesselos, fing ich wieder an, die Berichte zu lesen.
Inzwischen war die Abstimmung über die Erklärung des Parteivorstandes zur Frage der Mitarbeit von Genossen an bürgerlichen Preßunternehmungen vor sich gegangen. Mit überwältigender Mehrheit war sie zur Annahme gelangt. Ich lachte unwillkürlich laut auf. So orthodox war bisher nicht einmal die Kirche gewesen! Sie war viel zu klug dazu; sie benutzte jede Tribüne, wenn es galt, auch nur eine Seele zu gewinnen.
»Nicht darauf kommt es an, wo Parteigenossen schreiben, sondern was sie schreiben. Je mehr sie mit ihrer Überzeugung und ihrer Person in die Reihen der uns noch feindlich Gesinnten eindringen, desto besser ist es für unsere Sache, denn wir sind keine Sekte, die sich zu ihrem Gottesdienst in ihrer Kapelle verschließt, sondern eine Bewegung, die der ganzen Menschheit dienen und die Welt erobern will ...«
Das wäre eine unserer sozialistischen Grundsätze würdige Erklärung gewesen. Niemand beantragte sie. Nur vierundzwanzig — unter ihnen mein Mann, Göhre, Vollmar — hatten den Vorstandsbeschluß abgelehnt.
Und nun stand der zweite Streitpunkt: die Taktik der Partei, die Vizepräsidenten-Frage, auf der Tagesordnung.
Bebel referierte. Nach allem Vorhergegangenen erwartete ich eine wütende Philippika. Aber das, was er sagte, übertraf jede Erwartung. War das derselbe Bebel, der in Hannover so klug und so einsichtig gewesen war?
»Nie und zu keiner Zeit waren wir in der Partei uneiniger als jetzt —;« das erklärte er, nachdem wir eben einmütig den größten politischen Sieg erfochten hatten! »So geht's nicht weiter, — jetzt müssen wir endlich reinen Tisch machen,« und: »Wer nicht pariert, der fliegt hinaus!« War das noch die Sprache des Führers einer demokratischen Partei, oder nicht vielmehr die eines Diktators? Er sprach von den Revisionisten als von den Leuten, die mit der Bourgeoisie liebäugeln, und verlangte, daß man sie öffentlich denunzieren müsse, damit die Genossen sich vor ihnen hüten könnten. Er erklärte auf der einen Seite, um einen Gewerkschaftsantrag zu Falle zu bringen, daß es für die Fraktion viel zu schwierig sei, ganze Gesetzesvorlagen auszuarbeiten, und versicherte auf der anderen, daß, wenn die Partei heute zur Herrschaft im Staate käme, sie schon morgen wissen würde, was sie zu tun habe. Der heimliche Haß gegen die Akademiker, durch den er die Masse des Proletariats unzerreißbar mit sich verband, ohne zu fühlen, daß er dem ersten Grundsatz des Sozialismus dadurch ins Gesicht schlug, durchglühte seine Rede.
»Seht Euch die Akademiker dreimal an, ehe Ihr ihnen Vertrauen schenkt!« »Stürmischer Beifall« stand daneben. Und doch waren es Akademiker gewesen, die dem Proletariat die Organisation, seiner Bewegung die Grundlage und das Ziel gegeben hatten. Schließlich warnte er noch vor »dem anderen Teil der Revisionisten, den Proletariern in gehobenen Lebensstellungen«. Und niemand lachte ihm ins Gesicht, — und niemand wies mit Fingern auf die, die Beifall jauchzten: Gastwirte, Redakteure, Parteibeamte, lauter ehemalige Proletarier in gehobenen Lebensstellungen, — und ihn selbst, der ein wohlhabender Mann geworden war. Fielen denn heute lauter Schleier von meinen Augen, oder war ich nur vorher blind gewesen?
Nach ihm sprach Vollmar. Er zeigte, wie die Partei seit Jahren angesichts der praktischen Forderungen des Tages ein Vorurteil nach dem anderen habe fallen lassen, wie zum eisernen Bestand ihrer Taktik geworden sei, was kurz vorher als hochverräterische Forderung gebrandmarkt worden war. Dann aber wandte er sich persönlich gegen Bebel, — der erste und der einzige, der es mit der Autorität seines Namens zu tun vermochte.