»Ein ungezügeltes Temperament schadet nicht nur auf Fürstenthronen, sondern auch auf denen der Partei,« rief er aus. »... In welchem Ton hat Bebel sich an die ganze Partei gewandt? ›Ich werde nicht dulden ...‹, ›Ich werde den Kopf waschen ...‹, ›Ich werde Abrechnung halten‹. Ich, ich, ich — so hat der Lordprotektor Cromwell zum langen Parlament gesprochen ...«

Ich atmete tief auf. Auch eine Verteidigung meiner Ehre war diese Anklage gewesen. Nur eins verstand ich nicht: er betonte die innere Einheit der Partei mit derselben Schärfe, wie Bebel sie geleugnet hatte. Wie konnte er nur?! Wären all die Wutausbrüche dieses Parteitages möglich gewesen, wenn eine innere Einheit bestanden hätte? Sie waren doch nichts anderes als Symptome der Zerrissenheit. Aber die Revisionisten schienen sich das Wort gegeben zu haben, Vollmars Ansicht nicht nur zu teilen, sondern zu unterstreichen. Dieselben Männer, die ständig und, wie mir schien, mit Recht diese und jene Programmforderungen der Sozialdemokratie kritisierten und einer Umänderung für bedürftig hielten, erklärten plötzlich, daß prinzipielle Gegensätze nicht vorhanden seien. War das Feigheit oder nur Schwäche? — Schwäche, die in ihren Folgen viel gefährlicher ist als sie? Und ich befand mich plötzlich in Übereinstimmung mit einem der schroffsten Radikalen in der Partei: »Das ist ja der Jammer des deutschen Revisionismus, daß er nie mit einem bestimmten Programm hervorkommt,« sagte Kautsky, nachdem er versucht hatte, den auch seiner Ansicht nach vorhandenen Gegensatz als den zwischen der Zusammenbruchs- und der Evolutionstheorie zu kennzeichnen; »die einen erwarten die Befreiung von der sozialen Revolution, die anderen von der allmählichen Entwicklung.«

Mein Mann schrieb mir noch einmal: »Für die Partei wird diese traurige Tagung mit ihren zahllosen Hintergründen von Gemeinheit, Klatsch und Verhetzung schließlich noch zum guten Ende führen. Der Resolution des Parteivorstandes zur Frage der Taktik sind ihre schärfsten Spitzen, auf denen wir gespießt werden sollten, genommen worden, und ihre einmütige Annahme scheint danach gesichert, was den Frieden in der Partei wieder herstellen wird.«

Ich antwortete umgehend: »Ich verstehe Dich und die anderen nicht. Selbst wenn die Resolution ihrem Wortlaut nach annehmbar wäre, so ist sie es ihrem Sinn nach nicht, und Euer Ja bedeutet keinen Frieden, sondern Unterwerfung. Ich bedaure, bei der Abstimmung nicht zugegen zu sein. Ich würde, — und wenn ich die einzige bliebe, — laut und deutlich Nein sagen.«

Als ich den Wortlaut der Resolution zu Gesicht bekam, wurde mir die Haltung der Revisionisten vollends unverständlich. Wie viele unter ihnen hatten dem Eintritt des Sozialdemokraten Millerand in das französische Ministerium zugestimmt, hatten eine allmähliche Eroberung der Regierungsgewalt überall für möglich, ja für wahrscheinlich erklärt, und jetzt beugten sie sich einer Resolution, in der es hieß: Die Sozialdemokratie kann einen Anteil an der Regierungsgewalt innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft nicht erstreben. Wie viele verurteilten laut und leise die lediglich negierende Haltung der Partei gegenüber der Kolonialpolitik, und jetzt verpflichteten sie sich selbst zum »energischen Kampf« gegen sie. Aber daß dreihundert ja sagten, traf mich immer noch nicht so tief, als daß Heinrich unter ihnen war.

Mein Kind lag noch immer. Den Genesenden zu beschäftigen, kostete fast noch mehr Zeit als den Kranken zu pflegen. Herrisch verlangte der kleine Tyrann immer wieder nach Mama, wenn Berta mich ablösen wollte. Aber meine Gedanken waren doch wieder frei, und wenn er zur Ruhe gebracht worden war, konnte ich, wenn auch mit mattem Blick und müden Händen, in den Trümmern meines Lebens suchen, was zu neuem Aufbau noch stark genug war. Und ich fand eine unerschütterte Grundmauer: meine politische Überzeugung. Vor der Partei konnte ein Bebel mich diskreditieren, konnte mir die Arbeit in ihren Reihen kraft seines Bannfluchs unmöglich machen. Aber erschöpfte sich denn der Sozialismus in der Partei?

Mein Verstand war befriedigt, und doch blieb es so kalt, so leer in mir. Ich sah mich suchend um, — war die Wärme und die Farbe aus meinem Leben gewichen? Ach, im Garten meiner Liebe waren alle Blumen geknickt! Hatte der eine rohe Griff meines Gatten so viel vernichten können? Oder war es nur ein letzter Herbst sturm gewesen, der die schon lange heimlich welken endgültig von den Stielen riß?

Eines Abends, ganz plötzlich, öffnete sich die Türe, und Heinrich stand vor mir. Wie sah er aus! Aschfahl, die Augen tief in den Höhlen, dunkel umschattet, die ganze Gestalt gebeugt.

»Heinz!« schrie ich auf und schlang die Arme um ihn.

»Wenn du mich nur noch liebst — du,« flüsterte er und bedeckte mein Antlitz mit Küssen. »Ich fürchtete mich vor der Heimkehr, weil ich dachte, ich könnte auch dich verloren haben, — aber nun ist alles gut, — nun mögen sie mich steinigen. Ich fühle nichts, nichts als Seligkeit, weil deine Liebe mich unverwundbar macht!«