Mir stürzten die Tränen aus den Augen, — Tränen der Reue, des Schmerzes. Er sollte nicht umsonst an meine Liebe geglaubt haben. War es nicht Liebe, die wieder erwachte, da er so zerschlagen vor mir stand?

Ich erfuhr allmählich, was geschehen war. Artikel, Erklärungen, Briefe legte er mir vor, voll wütender Angriffe auf ihn, den »Urheber des Dresdener Parteitages«, den »geistigen Vater eines nie dagewesenen Parteiskandals«, voll niedriger persönlicher Verleumdungen. Selbst in unserem Leben wühlten fremde Hände, und unter ihrem Griff wurde auch das Reinste schmutzig.

Es war ein grauer Herbstabend mit tiefhängenden Wolken und langen Schatten in den Zimmern. Ich kauerte in der Ecke des Sofas, unfähig, mich zu rühren, wie zerprügelt. Heinrich ging auf und nieder, rastlos, — hie und da griff er mit der Hand nach seinem Kopf, als ob er sich vergewissern müsse, daß er noch lebe.

»Nach meiner ersten Rede schon sagte mir Victor Geier: ›Das ist politischer Selbstmord‹. Als ich dann Bebel antworten wollte, wie es nach seinem Angriff allein richtig gewesen wäre,« — so hatte mich Heinrich doch verteidigen wollen! — »da haben sie mich alle bearbeitet, haben im Namen des Parteiinteresses an mich appelliert, und ich war so töricht, durch all die widerwärtigen Szenen so erschöpft, daß ich mich wirklich unterwarf. Was nützte es?! Nichts! Der Skandal nahm seinen Fortgang. Und auf der Strecke bleibe schließlich ich allein!«

Einige Tage später kam Geier zu uns. Die erste Nummer der Neuen Gesellschaft war eben in hunderttausend Exemplaren verbreitet worden.

»Ich muß mit Ihnen reden, Genossin Brandt,« sagte er nach einer raschen Begrüßung. »Sie haben sich, fern von Dresden, hoffentlich so viel kühle Überlegung bewahrt, um eher Vernunft anzunehmen als Ihr Mann.«

Und dann setzte er mir auseinander, was seiner Meinung nach geschehen müsse. Zunächst habe sich Heinrich dem Schiedsspruch eines Parteigerichts zu unterwerfen.

»Vielleicht einem so objektiven Richter wie Bebel —,« warf ich bitter ein.

»Stehen Sie erst einmal am Ende der Laufbahn und müssen zusehen, wie andere den ganzen Gewinn Ihrer Lebensarbeit in Frage ziehen!« rief Geier heftig, um sich gleich darauf wieder zur Ruhe zu zwingen. »Ohne eine Rüge wegen seiner Dresdener Rede wird es natürlich nicht abgehen,« fuhr er fort, »im übrigen aber, dafür lege ich jetzt schon meine Hand ins Feuer, werden sich alle Verleumdungen als solche erweisen, und Heinrich wird nachher eine gesichertere Stellung haben als zuvor.«

»Du weißt, daß ich die Einsetzung eines Schiedsgerichts in meinem Wahlkreis bereits selbst veranlaßt habe,« unterbrach ihn mein Mann, »wozu also das Gerede?! Komm lieber gleich zur Sache!«