»Wie du willst,« antwortete Geier ruhig und wandte sich wieder mir zu. »Er hat Sie, wie es scheint, von meiner anderen Forderung noch nicht unterrichtet: das Erscheinen der Neuen Gesellschaft einzustellen.«
Ich fuhr auf: »In diesem Augenblick sollen wir unsere einzige Waffe von uns werfen?!«
»Eine nette Waffe!« höhnte Geier. »Solange das Dresdener Spektakelstück noch in aller Munde ist, werden vielleicht ein paar Dutzend Leute euer Blatt kaufen. Aber über kurz oder lang bleibt euch von der Waffe nichts mehr als eine zerbrochene Klinge.«
»Wir haben schon ein kleines Vermögen in die Sache hineingesteckt —,« murmelte ich mit gepreßter Stimme.
»Kann mir's denken,« meinte Geier und kräuselte spöttisch die Lippen; »vorsichtige Geschäftsleute seid Ihr offenbar nicht. Aber so rettet wenigstens, was zu retten ist!«
Heinrichs Gesicht hatte sich mehr und mehr gerötet. Jetzt blieb er dicht vor Geier stehen.
»Du benutzt unsere Notlage, um die Partei von einem revisionistischen Blatt zu befreien,« zischte er ihn an.
Mit einer heftigen Bewegung sprang Geier vom Stuhl und hieb mit der Faust auf den Tisch: »Ich komme nach Berlin gereist, um euch einen Freundschaftsdienst zu erweisen, und du begegnest mir so —. Stürze dich denn meinetwegen kopfüber in dein Verderben —« Und hinaus war er.
Wir gingen tagelang schweigsam nebeneinander her. Inzwischen fanden überall Parteiversammlungen statt, die sich mit den Dresdener Ereignissen und ihren Folgen beschäftigten. In den Angriffen auf die Revisionisten, ganz besonders auf meinen Mann, übertrafen sie noch den Parteitag. Und stets wurde vor der Zeitschrift gewarnt, mit der wir uns »auf Kosten der Partei« bereichern wollten. Es gab keinen Ausweg mehr, als sie zunächst aufzugeben. Wir hatten die Mittel nicht, um sie gegen die herrschende Stimmung in der Partei durchzusetzen.
»Alle freiheitlichen Elemente hatten sich am 16. Juni um Ihre Fahnen geschart,« schrieb mir Romberg, »weil sie, von den bürgerlichen Parteien im Stiche gelassen, bei der Sozialdemokratie den Schutz der Geistesfreiheit, den Hort des Kulturfortschritts zu finden glaubten. Dresden hat diesen Wahn zerstört, hat gezeigt, daß der Dogmatismus, die Verfolgungssucht Andersdenkender, kurz die ganze Seelenverfassung der Inquisitoren, nirgends in so krasser Form zu finden ist, als bei den privilegierten Menschheitsbefreiern. Wir sind nun wieder vogelfrei. Und Sie?!«