Es wurde ganz still im Zimmer. Die Köpfe all derer, die neben mir saßen, senkten sich; mich aber überkam ein Gefühl des Triumphes. Mit fester Hand setzte ich als Erste meinen Namen unter das Protokoll und verließ das Zimmer, an den anderen vorbeigehend, die scheu zur Seite wichen, erhobenen Hauptes.

Jetzt war meiner Überzeugung auch das letzte zum Opfer gefallen. Die Schmach von Dresden war ausgewischt. Das Schicksal selbst zwang mich auf meine eigenen Füße. Nun war ich stark genug, allein zu gehen.

Fünfzehntes Kapitel

Draußen auf dem Asphalt brannte die Sommersonne. Ein Geruch von Pech und Staub erfüllte die gewitterschwere Luft. In dem dunkelsten Winkel einer jener öden Straßen Berlins, die keine anderen Farben haben als die grellbunten der Firmenschilder, die kein neugierig flanierendes Publikum kennen, weil ihnen die Anziehungskraft glänzender Schaufenster fehlt, hatte der Sommer sein ganzes Füllhorn ausgeschüttet: Ein enger Hof war zum Blumenteppich geworden, eine graue Eingangshalle zum Laubengang. Und öffnete sich die Doppeltür des hohen Gebäudes dahinter, so schlug Sommerblumenduft dem Eintretenden entgegen. War er von der nüchternen Straße in einen Palast geraten? Zwischen blühenden Büschen standen weiße Bänke, auf den Tischchen davor rote Rosen in Gläsern von geschliffenem Kristall. Eine Flucht fürstlicher Räume schloß sich daran, mit weichen Teppichen auf dem Estrich und Gobelins an den Wänden und tiefen Sesseln vor den Kaminen. Frauenbildnisse hingen in den langen Galerien daneben; ein Rascheln und Knistern von Frauenkleidern, ein Wispern und Flüstern von Frauenlippen war darin. In den großen Sälen saßen dicht gedrängt von früh bis spät lauter Frauen und lauschten mit sehnsüchtigen Augen und heißen Wangen den Rednerinnen, die ihnen vom Kampf und Sieg, vom Wünschen und Hoffen ihres Geschlechts erzählten.

Das Weltparlament der Frauen tagte hier. Während acht Tagen wurde in vier Sektionen zugleich verhandelt. Kunst und Wissenschaft, Erziehung und Unterricht, Recht und Sitte — nicht ein Gebiet, das das Leben des Weibes berührt, blieb unerörtert. Die Großen sprachen und die Kleinen, die Vorsichtigen und die Draufgänger, die Weiten und die Engen. Es war eine Revue der Frauenbestrebungen, ein neutraler Boden für alle Richtungen, eine freie Bahn, um einander kennen zu lernen. Nur die Sozialdemokratie Deutschlands hatte sich selbst ausgeschlossen, obwohl die Leitung des Kongresses ihr alle Referate über die Arbeiterinnenfrage hatte überlassen wollen und ihr damit die Gelegenheit geboten worden wäre, das Elend der Massen zu schildern, das sonst in diese Säle keinen Eingang fand, und die Lehren des Sozialismus zu verkünden, die die Hunderte und Tausende, die hierher kamen, nur in den Zerrbildern seiner Gegner gesehen hatten.

Vor acht Jahren hatte ich mich diesem Beschluß gefügt: die christliche Idee der notwendigen Einheit von Glaubensdienst und Selbstaufopferung, die ich durch ein Leben der Selbstbehauptung glaubte überwunden zu haben, hatte in dem Augenblick wieder von mir Besitz ergriffen, wo ich mich der Sozialdemokratie anschloß. Die »Sache« war die mystische Macht gewesen, die über mir gestanden hatte. Sie war bei mir, wie bei Hunderttausenden meiner Genossen, — als wolle Gott, der von uns verlassene, sich an uns rächen, — an seine Stelle getreten. Nun aber war der Bann gebrochen. Daß ich den zur Hochburg der Frauen verwandelten Musikpalast Berlins betrat, war ein erstes Zeichen innerer Befreiung.

Ich sprach überall, wo die Interessen der Arbeiterinnen zur Debatte standen. Und allmählich strömten die Frauen mir nach, wenn ich von einem Saal zum anderen ging, und manche Diskussion, manche persönliche Unterhaltung bewies mir besser als Beifallssalven, die oft nur der Freude an der Sensation gelten mochten, daß der Samen des Sozialismus auf guten Boden gefallen war. Gewiß, solche Wirkungen lassen sich nicht messen, sie kommen nicht in den Zahlen der Partei- oder Gewerkschaftsmitglieder zu sichtbarem Ausdruck, aber auch sie rufen in Haus und Schule, in Gesellschaft und Staat jene Kräfte hervor, die von innen heraus an der allmählichen Umwandlung der Geistesrichtung der Menschen tätig sind. Während ich hin und herging und diese und jene hörte, sah ich wie groß die Wandlung schon war, die die Frauenbewegung im Laufe des letzten Jahrzehnts durchgemacht hatte.

Damals hatten sie sich vor mir gefürchtet, als ich in ihrem Kreise der Sozialdemokratie Erwähnung tat, heute stimmten die meisten von ihnen in ihren wesentlichen Gegenwartsforderungen mit denen der Partei überein. Damals war es innerhalb der bürgerlichen Frauenbewegung eine vereinzelte Tat gewesen, als ich das Frauenstimmrecht in öffentlicher Versammlung forderte, heute wurde in den Mauern Berlins der Bund für Frauenstimmrecht gegründet So ging es doch vorwärts, auch da, wo meine Parteigenossen nichts als Stillstand sahen, nichts anderes bemerken wollten, weil sie meinten, den dunkeln Hintergrund einer einheitlichen Reaktion nötig zu haben, um sich selbst in um so hellerem Licht zu sehen, statt auch aus leisen Tönen den Siegesmarsch des Sozialismus herauszuhören. Mein Mann hatte ein wenig spöttisch den Mund verzogen, — zu einem wirklichen Lächeln kam es bei ihm kaum mehr, — als ich an dem Kongreß teilnahm.

»Du bist ein Trotzkopf,« hatte er gesagt; »du übersiehst in dem Eifer, mit dem du dich dem Beschluß der Genossinnen entgegenstemmst, die Folgen, die solch eine Handlungsweise für dich haben kann. Man wird dich vollends boykottieren.«

Ich zuckte die Achseln.