»Solltest du wirklich schon so weit über den Dingen stehen?!« fragte er zweifelnd. Ich wandte mich ab. Er sollte nicht sehen, daß ich schwächer war, als ich mich zeigte.
Als ich sichtlich erfrischt aus den Verhandlungen nach Hause kam, meinte er unmutig: »Vor acht Jahren gefielst du mir besser als jetzt, wo du dich freust, weil dieselben Leute dir Beifall klatschen, die damals sittlich entrüstet waren —«
Ich unterbrach ihn heftig: »Wie kannst du mich so mißverstehen! — Gewiß, ich bin nicht von Stein, ich freue mich, wenn ich höre, wie die Ideen meiner ›Frauenfrage‹ Verbreitung gefunden haben, ich freue mich, daß die Mutterschaftsversicherung, daß selbst die Haushaltungs-Genossenschaft aus dem Stadium des Bewitzelns in das ernster Erörterung getreten ist, und ich leugne auch gar nicht, daß Anerkennung mir wohl tut, als tröpfle mir jemand ein schmerzstillendes Mittel in eine unheilbare Wunde, — aber das Alles ist doch nicht die Ursache meiner Befriedigung. Mein Glaube an die Entwicklung im Sinne des Sozialismus ist das einzig Feste, was mir noch nach all dem Zusammenbruch geblieben ist. Wenn ich nur das Geringste entdecke, was ihn zu stützen, zu kräftigen vermag, so macht mich das stärker.«
»Du bist doch noch sehr jung und sehr bescheiden!« warf Heinrich ein. Ich unterdrückte einen Seufzer. Seine morose Stimmung war imstande, jede Spur erwachter Freudigkeit wieder zu zerstören, wie der Fluß, wenn er im Frühjahr aus seinen Ufern tritt, mit öder weiter Wasserfläche die blühenden Wiesen bedeckt. Ich fühlte, wie auch meine Arbeitskraft darunter litt, wie Gedanke und Gefühl erstarrten, sobald sie in die eisige Atmosphäre seiner Deprimiertheit gerieten.
Leise, unmerklich zunächst und doch von Tag zu Tag mehr, löste ich mich von ihm. Das Problem der Ehe wuchs, eine üppige Schlingpflanze, und drohte zu überwuchern, was noch an Liebe zu blühen verlangte.
Für die Frauenbewegung war der Kongreß neuer Wind in die Segel gewesen. Alle Fragen, die sie umfaßte, standen wieder im Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion. Das Für und Wider wurde leidenschaftlich erörtert, und in der konservativen kirchlichen Presse erhoben sich lauter als früher die Stimmen derer, die mit dem Feldgeschrei: Erhaltung der Ehe und der Familie! den Emanzipationsbewegungen des weib lichen Geschlechts gegenübertraten. In einer Versammlung, die von einem der bürgerlichen Frauenvereine einberufen worden war, sollte diesen Angriffen begegnet werden. Ich ging hin. Mehr aus Neugierde, und weil es mich belustigte, daß lauter ehelose alte Mädchen sich für berufen hielten, über diese Probleme zu urteilen, als in der Absicht selbst zu sprechen.
Die Referentin verteidigte zuerst die Frauenbewegung als die Begründerin eines neuen, schöneren, festeren Ehe- und Familienlebens:
»Gerade der Bund zwischen zwei gleichen, geistig und sittlich gereiften Menschen ist der glücklichste, dauerndste,« sagte sie. »Der Mann wird in der Frau nicht mehr nur die Geliebte, die Mutter seiner Kinder sehen, sondern eine Kameradin, die seine Interessen teilt und fördert. Das Familienleben wird sich dadurch erneuern, denn der Mann braucht nicht mehr außerhalb seines Hauses geistiger Anregung, geistigem Austausch nachzugehen...«
Mich reizte der salbungsvolle Ton, mit dem sie sprach, und die Art, wie sie die Wogen der Frauenbewegung durch das Öl unbeweisbarer Prophezeiungen zu besänftigen suchte. Ich meldete mich zum Wort.
»All Ihre schönen Argumente,« rief ich aus, »beruhen auf einem Trugschluß: der Instinkt der Sinne ist doch nicht identisch mit dem geistigen Verständnis! Nichts gibt die Gewähr dafür, daß zwei geistig reiche Individualitäten, die einander in heißer Liebe begehren, nun auch mit all den feinen Regungen ihres Seelen- und Geisteslebens zusammenstimmen, Regungen, die um so differenzierter sind, je höher entwickelt der Einzelne ist. Und wer vermag zu sagen, ob nicht trotz geistiger Übereinstimmung die Liebe erkaltet oder sich auf einen anderen Gegenstand richtet? Denn auch die Liebesgefühle und das Liebesbegehren ist vielgestaltiger, differenzierter geworden und nicht mehr so leicht und so unbedingt zu befriedigen ... Nein, meine Damen, lassen Sie sich nicht einlullen durch falsche Prophezeiungen, sammeln Sie vielmehr Ihre Kräfte durch die klare Erkenntnis neuer Probleme. Mit dem durch die Angst um die Gefährdung alten geliebten Besitztums geschärften Spürsinn des Feindes haben die Gegner bald empfunden, was ihnen droht: Je mehr sich das Weib zur selbständigen Persönlichkeit entwickelt, mit eigenen Ansichten, Urteilen und Lebenszielen, desto mehr ist die alte Form der Ehe bedroht. Ihr Glück beruhte nicht auf Gleichheit, sondern auf Unterordnung, nicht auf Arbeitsgemeinschaft, sondern auf Arbeitsteilung. Für den Mann war die Ehe von einst, an der Seite einer von den Kämpfen der Zeit unberührten, nur der Sorge des Hauses lebenden Gattin, der Hafen der Ruhe. Heute findet er daheim neben der ihm geistig ebenbürtigen Frau dieselbe Nervosität, dasselbe geistig angespannte Leben wie draußen. Für die Frau war er das einzige Symbol alles äußeren Lebens, allein von ihm empfing sie gläubig die Botschaften der Welt, die Ansichten und Urteile über sie. Jetzt kennt sie das Leben aus eigener Anschauung, sie denkt selbständig, sie übersteht ihn vielfach; sie findet in ihm so wenig den Schöpfer ihres inneren Lebens, als er in ihr die Quelle der Ruhe und des Behagens findet. Was früher einte: das Zusammenleben, kann heute schärfer trennen, als jede äußere Trennung es vermag ... Es kommt aber auch gar nicht darauf an, daß wir mit heißem Bemühen die Ehe retten; mag sie an der Entwicklung zerschellen, wie manche andere Lebensform, wenn nur der Kern erhalten bleibt: die Liebe.«