»Und von diesem dürren Boden glaubst du ernten zu können?!« fragte ich meinen Mann.

»Nein,« entgegnete er, »aber ich bin optimistisch genug, um auch ihn für bearbeitungsfähig zu halten.«

Wir widersprachen einander immer. Nur wenn die Ereignisse in der Sozialdemokratie die feindliche Haltung gegen die Revisionisten gar zu deutlich hervortreten ließen, kam es vor, daß er selber sagte:

»Es ist doch vielleicht noch zu früh!«

Jeder geringfügige Anlaß genügte, um in der Partei den heftigsten Streit hervorzurufen. So war einem der in die Dresdener Skandale verwickelten Revisionisten die Kandidatur eines sächsischen Wahlkreises angeboten worden. Alle höheren Parteiinstanzen erklärten sich dagegen; die Vernichtung der bisher geltenden Autonomie der Wahlkreise war die Folge, und nun entspann sich eine leidenschaftlich erregte Diskussion in der Presse, die auch in Volksversammlungen ihr Echo fand.

»Die Minderheit hat sich der Mehrheit zu fügen,« hieß es kategorisch auf Seite der Radikalen.

»Die Sozialdemokratie hat jede Art von Macht entfaltung, die die Minderheit in ihrer Existenz bedroht, zu bekämpfen, also zu allererst die in den eigenen Reihen. Es ist Despotie und nicht Demokratie, wenn die Rechte der Minderheit schutzlos sind,« lautete die Antwort auf Seite der Revisionisten.

In einem anderen Fall vertrat ein Parteigenosse in bezug auf die Zollfragen theoretisch von den Ansichten der Partei abweichende Meinungen. Er wurde einem hochnotpeinlichen Verhör unterzogen, und sein Ausschluß aus der Partei war die Forderung vieler. Wortglaube, nicht Geistesglaube war für die Dogmatiker Voraussetzung der Parteizugehörigkeit.

Ich hörte überall dieselbe Dissonanz heraus, die in mir tönte: Selbstbehauptung gegen Selbsthingabe, — Individualismus gegen Sozialismus, — dieselbe Dissonanz, die dem Dresdener Konzert zugrundegelegen und keine Auflösung gefunden hatte. Ob mein Mann und mit ihm seine politischen Freunde wohl im Rechte waren, wenn sie behaupteten, daß die Einheit in der praktischen Tagespolitik über diese inneren Gegensätze hinweghelfen würde?

Wenn ich meine Zweifel äußerte, so war es Reinhard vor allem, der sie auf Grund seiner Erfahrungen zu entkräften suchte.