»Sie sollten bei uns in den Gewerkschaften lernen,« sagte er; »da besteht diese Einheit tatsächlich und ist die Grundlage unseres wachsenden Einflusses geworden.«

Ich erinnerte mich dann der Zeiten, wo er unter den Politikern der radikalsten einer gewesen war, und ich konnte mich der Empfindung des Bedauerns nicht erwehren: damals durchglühten die Ideale des Sozialis mus seine Reden, heute schien nicht nur sein Handeln, sondern auch sein Denken den Horizont des Auges nicht mehr zu überschreiten. Arbeiterrechte und Freiheiten rang er mit eiserner Energie dem Unternehmertum ab und richtete den Blick bei jedem Schritt vorwärts konsequent nur auf den nächsten Schritt. Darin lag vielleicht seine Kraft. Aber die Stimmung praktischer Nüchternheit, die ihn beherrschte, war nicht die Atmosphäre, in der die umfassenden Ideen der Menschheitsbefreiung sich entfalten.

Mein Mann, der gerade in dieser Richtung auf die Forderungen des Tages das Heilmittel für die inneren Schäden der Partei zu finden glaubte, beschäftigte sich viel mit den Gewerkschaften.

»Das sind die Kerntruppen,« meinte er, »ihre Wünsche und Bedürfnisse müssen wir kennen, wenn wir einmal mit unserer Zeitschrift wirken wollen.«

Wir besuchten ihre Versammlungen. Ruhige Arbeit herrschte hier. Mit tiefgründiger Kenntnis wurden sozialpolitische Fragen behandelt, besonders die des Heimarbeiterschutzes, die damals im Mittelpunkt des Interesses standen. Es war bezeichnend für den Geist der Gewerkschaftsbewegung gewesen, daß fast zu gleicher Zeit, wo die Einladung zum Frauenkongreß von den Sozialdemokratinnen abgelehnt worden war, die Generalkommission der Gewerkschaften den Heimarbeiterschutz-Kongreß einberufen und die Interessenten aus bürgerlichen Kreisen zur Teilnahme aufgefordert hatte.

Aber wenn die bewußte Beschränkung der Bewegung auf der einen Seite einen erstaunlichen Grad von Wissen, von Energie, von Zielsicherheit zeitigte, so ent wickelte sich auf der anderen Seite eine gewisse Engigkeit, ein Organisationsegoismus, der vom Standesdünkel alter Zeiten nicht zu weit entfernt war. Ich agitierte selbst für die Gewerkschaften; ich verfocht in Versammlungen die Forderungen zum Heimarbeiterschutz, die wir im Kongreß aufgestellt hatten, ich wußte, wie notwendig das alles war, aber ich hätte darin nicht aufzugehen vermocht, und es schien mir nicht unbedenklich, daß so viele tüchtige Kräfte, von der politischen Bewegung angewidert, mehr und mehr darin aufgingen. Tönte nicht der starke Pulsschlag der Zeit nur gedämpft hierher, wo sich Kräfte und Gedanken im engen Kreis der Organisationsarbeit, der Sozialreform bewegten? Lagen hier nicht die Keime einer gefährlichen Entwicklung von Egoismus gegen Sozialismus?

Allmählich war's, als öffneten sich mir immer neue Tore mit weiten Ausblicken auf unbekannte Gebiete der Arbeiterbewegung. Eine Schulvorlage, die von der preußischen Regierung schon lange in Aussicht gestellt war und auf Einführung konfessioneller Schulen hinauslief, rief in der Presse und in Versammlungen eine lebhafte Kontroverse über Erziehungsfragen hervor. Der bloße selbstverständliche Protest dagegen, die bloße Forderung der Trennung von Schule und Kirche genügte nicht mehr. Wer sich aus Arbeiterkreisen an den Debatten beteiligte, der hatte sich auch mit den Details der Frage beschäftigt, und ein Verlangen nach weiterer Aufklärung wurde laut. In einer kleinen Versammlung vor den Toren Berlins hörte ich einen alten Arbeiter von Pestalozzi sprechen. Er hatte ihn nicht nur gelesen, sondern in sich aufgenommen und schilderte die Arbeitsschule der Zukunft, die an Stelle der »Paukschule« der Gegenwart treten würde, mit demselben Enthusiasmus, wie ein anderer sich über den Zukunftsstaat verbreitet haben würde. Auf solche und ähnliche Erfahrungen hin wagte ich es, die »pädagogische Provinz«, Goethes Erziehungsutopie, zum Gegenstand eines Vortrags zu machen. Ein Riesenauditorium, das nur aus Arbeitern bestand, folgte mit gespannter Aufmerksamkeit allem, was ich sagte, und in der Diskussion zeigte sich nicht nur, daß ich verstanden worden war, sondern auch wie viele ihren Goethe gelesen hatten. Jetzt fing ich an, mit erwachtem Interesse den nicht politischen Versammlungen nachzugehen, und ich entdeckte mit wachsendem Staunen suchende Menschen, nicht nur fordernde. Wo religiöse, wo philosophische Fragen angeschnitten wurden, war das Interesse am stärksten. Jener brutale philosophische Materialismus, der alles leugnete, was sich nicht mit Händen greifen ließ, und für die Masse der Sozialdemokraten um so mehr an die Stelle kirchlich-dogmatischen Glaubens getreten war, als sie ihn in naheliegender Begriffsverwirrung mit dem Grundprinzip des Marxismus, dem historischen Materialismus, zusammengeworfen hatten, beherrschte nicht mehr so uneingeschränkt wie früher die Gemüter. Der Unglaube, der geblieben war und neben alles Unabweisbare sein Fragezeichen aufrichtete, schien erfüllt von Sehnsucht und Heimweh.

Junge und alte Männer begegneten mir, die in ihrer freien Zeit verschlangen, was ihnen an philosophischen Schriften erreichbar war: neben Kant und Schopenhauer das seichteste Gewäsch sogenannter Popularphilo sophie, neben Dietzgen, dem Parteiphilosophen, allerhand theosophische, selbst spiritistische Schriften. In der Qual, mit der sie immer wieder versuchten, die geistige Vernachlässigung ihrer Jugendjahre zu überwinden, die Grundlagen des Denkens und Wissens, die ihnen fehlten, nachzuholen, lag eine größere Tragik als in der leiblichen Not.

»Wir sind alle gute Sozialdemokraten,« sagte mir einmal ein älterer Mann, der es vom einfachen Arbeiter zum einflußreichen Gewerkschaftsbeamten gebracht hatte, »und der Sozialismus ist das, was uns zusammengeschweißt hat, uns im Kampf gegen die Feinde unüberwindbar macht; aber nun will doch jeder auch etwas für sich sein.«

Das war der Wunsch nach Persönlichkeit, der sich regte, die Reaktion gegen die geistige Nivellierung, die die Stärke und die Schwäche des Sozialismus war.