In den Köpfen der Parteigenossen spukte diese Frage, der die andere auf dem Fuße folgte: wie bereiten wir uns vor? Das Mittel immer wiederholter Arbeits einstellungen hatte sich in Rußland als das eindrucksvollste erwiesen. Es wurde nun auch in der deutschen Partei erörtert. Es trennte die Geister nach einem Schema, auf das die Bezeichnung Revisionisten und Radikale nicht mehr passen wollte. Mein Temperament riß mich rückhaltlos auf die Seite derer, die den Massenstreik verteidigten; mein Mann stand im entgegengesetzten Lager, wo die Gewerkschafter sich vereinigt hatten. Auch die Ansichten unserer Mitarbeiter gingen auseinander.
»Glauben Sie, es läßt sich beschließen, übermorgen nachmittag um vier in den Massenstreik einzutreten?« höhnte Reinhard. »Revolutionen sind keine Paraden, die vorher einexerziert werden.«
»Aber die Truppen müssen dafür vorbereitet sein wie für die Kriege,« entgegnete einer unserer Mitarbeiter; »wir müssen den Gedanken in die Köpfe hämmern, damit er zur rechten Zeit zur Tat reift.«
»Von unseren drei Millionen Wählern sind nur viermalhunderttausend politisch organisiert, und von zwölf Millionen Arbeitern nur anderthalb Millionen gewerkschaftlich!« rief Reinhard aus. »Mir scheint, wir müssen zuerst die Köpfe haben, ehe wir daran denken können, eine Idee in sie hineinzuhämmern.«
Das Feuer meiner Begeisterung verflog angesichts des neu entfachten theoretischen Streites, der bei uns Deutschen so oft an Stelle des Handelns tritt. Die Demonstrationen gegen den preußischen Landtag beschränkten sich auf ein paar große Versammlungen, denen erst das Aufgebot von Polizei und Militär Bedeutung verlieh. Die Schulvorlage wurde angenommen. Graf Bülows Politik der Ablenkung des Volksinteresses bewährte sich wieder einmal: die Blicke aller derer, die nicht zu unseren Kerntruppen gehörten, richteten sich wie hypnotisiert auf die internationalen Verwickelungen. Von der feindseligen Verstimmung sprach der Reichskanzler, als die neue Flottenvorlage dem Reichstag zuging: »Deutschland muß stark genug sein, sich im Notfall allein behaupten zu können!«
Von dem Ernst der Zeit, von der Notwendigkeit, eine stets schlagbereite Armee zu haben, sprach der Kaiser. So wurde gegen die revolutionäre die patriotische Stimmung ausgespielt.
Wir hatten gearbeitet, den Blick krampfhaft vorwärts gerichtet, besinnungslos. Wir hatten unser Programm erfüllt, waren jeder tieferen Volksregung nachgegangen; es hatte an aufrichtiger Anerkennung nicht gefehlt, und trotz allen lauten und leisen Wühlens gegen uns war in kurzer Zeit ein Stamm von Lesern gewonnen worden. Aber die Kosten der Zeitschrift überstiegen bei weitem die Einnahmen. Wir konnten nicht länger die Augen davor verschließen, daß unsere Mittel auf einen winzigen Rest zusammengeschmolzen waren.
»Drei Jahre müssen Sie aushalten können, dann haben Sie sich durchgesetzt,« sagte uns ein treuer Genosse, der zugleich ein guter Geschäftsmann war.
»Drei Jahre!« wiederholte ich in Gedanken. »Wo wir kein Vierteljahr mehr gesichert sind!«
»Wir dürfen die Flinte nicht ins Korn werfen, heute weniger als je,« erklärte mein Mann; »denn jetzt schädigen wir dadurch die Sache.«