Die Furcht flüsterte mir zu: »Gib auf, solang es noch Zeit ist.«
»Heinrich ertrüge es nicht,« antwortete die Stimme meines Herzens.
Um jene Zeit kam meine Schwester nach Berlin zurück. Sie war in einem Sanatorium gewesen und hatte dann eine lange Seereise gemacht.
»Nun bin ich heil und gesund,« damit trat sie wieder vor mich hin, »und jetzt komme ich zu dir und will arbeiten.« Mit ungläubigem Lächeln sah ich sie an. »Meinst du etwa, ich hielte auf die Dauer solch zweckloses Leben aus?« schmollte sie, weil ich sie nicht ernst nehmen wollte.
»Im Sanatorium war einer mein Tischnachbar, der ein heimlicher Genosse ist,« fuhr sie zu plaudern fort. »Er holte nach, was du zu tun versäumtest; gab mir Bücher und Zeitungen und klärte mich auf. Ich bin überzeugte Sozialdemokratin.«
»Aber Ilse!« lachte ich. »Du?! Die Ästhetin?! Du mit deinem Grauen vor dem Pöbel?!«
Nun wurde sie wirklich böse. »Ist es so unwahrscheinlich, daß man sich entwickelt? — Bist du vielleicht als Genossin auf die Welt gekommen?! — Ich bildete mir ein, dir mit dieser Nachricht eine besondere Freude zu machen, und nun glaubst du mir nicht! Aber ich werde dir beweisen, wie ernst ich es meine: noch heute will ich mich dem Vertrauensmann meines Wahlkreises vorstellen, ich werde sogar Flugblätter austragen, wenn er mich brauchen kann.«
Ich war noch ganz benommen von der erstaunlichen Wandlung meiner Schwester, als Heinrich sie begrüßte. Er fand sich rascher in die veränderte Situation.
»Da hätten wir ja eine neue Mitarbeiterin,« sagte er lebhaft.
»Ja, — ob ich aber schreiben kann?!« meinte sie zögernd.