»Sind nicht alle ihre Briefe druckreifes Manuskript?« wandte er sich an mich. »Und prädestiniert sie nicht ihre ganze Vergangenheit, gerade das wichtige, noch so sehr vernachlässigte Gebiet der künstlerischen Volkserziehung zu dem ihren zu machen?«
Alles Fremde, das seit Jahren zwischen uns gestanden hatte, war jetzt vergessen. Die kleine Ilse war wieder mein Kind, wie einst, da sie nichts so gerne hörte wie meine Geschichten, mit nichts spielen mochte als mit den Spielen, die ich erfand. Ich streckte ihr beide Hände entgegen:
»Du brauchst keine Flugblätter auszutragen, um zu beweisen, daß du zu uns gehörst. In der Partei ist viel Raum für Kräfte wie die deinen.«
Am Abend sah ich an Heinrichs grüblerischem Gesichtsausdruck, daß irgendein Gedanke ihn beschäftigte. Er ging schweigsam im Zimmer auf und nieder. Endlich blieb er vor mir stehen: »Was meinst du, wenn wir Ilse aufforderten, sich an der Neuen Gesellschaft mit einem Kapital zu beteiligen?«
Ich hob die Hände, als gelte es einer Gefahr zu begegnen.
»Um Gottes willen nicht!« rief ich aus.
»Du scheinst deiner Schwester wenig zuzutrauen,« entgegnete er stirnrunzelnd. »Daß wir alles aufs Spiel setzen, ist dir selbstverständlich; daß Ilse einen Bruchteil ihres Vermögens opfern soll, kommt dir unmöglich vor. Und doch könnte das ihr geben, was ihr fehlt: einen ernsten Lebensinhalt, einen Antrieb zur Arbeit, die mehr ist als Laune und Spielerei.«
Ich widersprach auf das heftigste: »Was wir tun und lassen, ist unsere Sache, aber die Verantwortung für Ilse dürfen wir nicht auf uns nehmen. Niemals ertrüg' ich's, sie in unseren Ruin hineinzuziehen!«
Heinrich brauste auf. »Wie kannst du von Ruin sprechen, wo uns nichts fehlt als die Mittel, noch einige Zeit auszuhalten, — wo wir in zwei, drei Jahren über das schlimmste hinaus sein werden! Hast du so gar keinen Glauben an die eigene Sache?«
»Ich habe ihn, Heinz, ich hab ihn gewiß —,« meine Hände preßten sich flehend ineinander, »— aber lieber will ich mir die Finger blutig schreiben, lieber will ich von Ort zu Ort gehen, um die Mittel für die Neue Gesellschaft zusammenzubringen, als daß ich mich an Ilse wende.«