Mit gerunzelten Brauen sah Heinrich mich an. »Ich finde deinen Standpunkt kleinlich, — deiner und deiner Schwester unwürdig. Sie wird sich freuen, mit einem Teil ihres Überflusses etwas Nützliches leisten zu können.«

Aber ich ließ mich nicht überzeugen. »Laß uns wenigstens noch versuchen, ob sich nicht auf anderem Wege Hilfe schaffen läßt,« bat ich. Heinrich schwieg, sichtlich verletzt.

Alle Schritte, die er in den nächsten Wochen unternahm, waren umsonst. Immer näher rückte die Zeit, die uns vor die letzte Entscheidung stellte. Mich schauderte im Gedanken daran.

Als ich ihn eines Abends wieder von einer vergeblichen Reise zurückkehren sah, — so müde, so gebrochen, da hielt es mich nicht länger: »Geh zu Ilse,« sagte ich.

War es der Leichtsinn der Jugend, war es die Überzeugungskraft der Reife, die Ilse ohne einen Augenblick des Überlegens dem Vorschlag Heinrichs entsprechend handeln ließ? Wie kam es nur, daß in dem Augenblick, wo sie sich nicht nur im Denken, sondern auch im Handeln mit mir vereinte, ein kalter Reif auf die kaum wieder entfaltete Blume meiner Schwesterliebe fiel? Irgendeine Fessel, die die freie Bewegung meiner Glieder hemmte, wurde schmerzhaft angezogen.

Eine Unrast der Arbeit packte mich, die mich jede ruhige Stunde als Unterlassungssünde empfanden ließ. Selbst in den Augenblicken, wo die Sache, der ich diente, mich ganz zu packen schien, fiel mir ein, daß ich arbeiten mußte, um das Geld meiner Schwester nicht zu verlieren. Daß die Arbeitsgemeinschaft mit meinem Mann unsere Liebe zueinander festigen sollte, — daran dachte ich kaum mehr. Kam mir in heißen Nächten nach gehetzten Tagen die Erinnerung daran, so grauste mich's. Ich saß meinem Mann gegenüber, tagaus, tagein, über Manuskripte und Korrekturen gebeugt. Ich hatte keine Gedanken mehr, mich für den Geliebten zu schmücken, keine Zeit mehr für das süße Spiel der Liebe, für Suchen und Finden, Zurückstoßen und Wiedererobern. Nur für mein Kind stahl ich mir morgens und abends noch eine Stunde; aus der Frische seines Denkens und Fühlens floß mir der Tropfen Lebensfreude, den ich brauchte, um weiter schaffen zu können.

Meinen kleinen Haushalt überließ ich nun schon lange der Berta. Zuweilen wunderte ich mich wohl, daß er bei seiner Einfachheit so kostspielig war. Aber jede Spur von Mißtrauen lag mir fern. Opferte die Berta uns nicht ihre ganze Arbeitskraft? War sie es nicht, die unter Hinweis auf die entstehenden Kosten jede fremde Hilfe ablehnte und alles allein besorgte?

Eines Tages sah ich ein goldenes Armband auf ihrem Nähtisch liegen. »Mein Onkel hat es mir zum Geburtstag geschenkt,« sagte sie.

Bald darauf brachte die Portierfrau, als sie abwesend war, ein Paket für »Fräulein Berta«, die Uhrkette sei darin, die sie sich durch sie habe besorgen lassen, fügte sie erklärend hinzu. Ich wurde stutzig und ließ mich in ein Gespräch mit ihr ein.

»Auch das Armband hat mein Mann besorgt,« schwatzte sie, »es kostete nur sechzig Mark. Und Fräulein Berta kann sich wohl mal was selber gönnen, nachdem sie immer das viele Geld nach Hause schickt.«