Nach Hause?! dachte ich verblüfft, ihr Vater war doch, wie sie oft genug erzählt hatte, in behäbiger Lage. Nun verfolgte ich erst aufmerksam ihr Tun und Lassen. Im Lauf einer Woche hatte ich alle Beweise in der Hand: seit Jahren war ich von ihr betrogen worden. Im ersten Gefühl der Empörung wollte ich ihre Unterschlagungen zur Anzeige bringen. Aber dann schämte ich mich. War ich nicht die Schuldige gewesen? Ich, die ich dem einfachen Bauernmädchen eine Freiheit gelassen, eine Selbständigkeit aufgebürdet hatte, der sie geistig und moralisch nicht gewachsen war; ich, die ich sie aus Dankbarkeit mit Geschenken überhäuft hatte, die ihre Eitelkeit, ihre Habsucht erwecken mußten? Sie war für die Lebenssphäre, in die sie zurücktreten mußte, bei mir und durch mich verdorben worden.

Ich entließ sie; ich bekannte meinem Mann meine Schuld. Von nun an mußte ich mich um die täglichen Sorgen des Haushalts kümmern, mußte vor allem die Zeit erübrigen, um mit meinem Buben ins Freie zu gehen. Ich war viel zu ängstlich, um ihn sich selbst zu überlassen. Wie müde fühlte ich mich, wenn ich abends schlafen ging! Wie zerschlagen, wenn ich morgens erwachte! Wie lange noch würde ich aushalten können?!

Und mehr denn je verlangte unsere Arbeit die ganze Nervenkraft, die volle Anspannung des Willens. Ein neuer Parteiskandal forderte gebieterisch unsere Stellungnahme. Die Auseinandersetzungen über den Massenstreik hatten in einem Teil unserer Tagespresse wieder die Formen persönlichen Gezänks, gegenseitiger Verdächtigungen angenommen. Zur Empörung der radi kalen Berliner vertrat das Zentralorgan der Partei den Standpunkt der Gewerkschaften, und obwohl der Jenaer Parteitag eine wenigstens äußere Verständigung zwischen beiden Richtungen herbeiführte und auch die Preßfehde zu schlichten schien, ließ sich Groll und Mißtrauen nicht durch Resolutionen beseitigen. Trotz aller gegenseitigen Versicherungen blieb die Mehrheit der Vorwärts-Redaktion, die ihre Ansichten weder dem Votum der Masse unterwerfen, noch sich zu einem Inquisitions-Tribunal hergeben wollte, des Revisionismus verdächtig. Kaum war der Parteitag vorüber, als der Parteivorstand mit den Berlinern in Verhandlungen eintrat, deren Resultat die Entlassung und der Ersatz eines oder mehrerer Redakteure und die Neugestaltung der Mitarbeiterschaft über den Kopf der Redaktion hinweg sein sollte. Hinter verschlossenen Türen, mit strengstem Schweigegebot für die Teilnehmer und — unter Ausschluß der Angeklagten ging das alles vor sich. Ein Fehmgericht nach demselben Prinzip wie das, dem ich einmal seitens der Frauen unterworfen worden war. Wo war hier die Gleichheit, wo die Brüderlichkeit?! Als die Redaktion trotz aller Vorsichtsmaßregeln von den Vorgängen erfuhr und der Parteivorstand ihren Protest gegen ein allen Grundsätzen der Demokratie hohnsprechendes Verhalten schroff zurückwies, handelte sie, wie organisierte Arbeiter handeln, wenn der Unternehmer ihre Kameraden ohne sie zu hören mit Aussperrung bedroht: sie erklärte sich in ihrer Mehrheit solidarisch, reichte ihre Entlassung ein und begründete ihre Handlungsweise vor der Öffentlichkeit. Mit gezückten Schwertern standen einander nun wieder zwei Richtungen in der Partei gegenüber. Aber die Masse vertrat nicht die Prinzipien der Demokratie, sondern die der Despotie.

»Wie können wir noch mit freier Stirn unsere Ideale gegenüber der Willkürherrschaft monarchischen Absolutismus verteidigen,« schrieben wir in der Neuen Gesellschaft, »wie können wir die Selbstherrlichkeit des Unternehmertums, seinen rücksichtslosen Herrenstandpunkt gegenüber dem Arbeiter angreifen, wenn der Gegner uns mit den eigenen Waffen zu schlagen vermag? Wie können wir an den endlichen Sieg unserer Sache glauben und uns unterfangen, andere davon überzeugen zu wollen, wenn die Ansichten einzelner, — hier des Parteivorstands, ganz besonders die Bebels, — zum Kredo erhoben werden und jeder Andersgläubige der Ketzerei beschuldigt wird, — ungehört, wie bei den Hexenprozessen? ... Die Redakteure haben ihre Schuldigkeit getan, tun wir die unsere! ...«

Wie der Stein, der in den Teich geworfen wird, nicht nur weite und immer weitere Kreise zieht, sondern auch den Grund aufwühlt, sodaß dieser plötzlich in das klare Wasser schwarz und schlammig emporsteigt, so war es hier. Man hatte vergessen, den Grund zu säubern und auszumauern, ehe der frische Quell des Sozialismus hineingeleitet wurde. Die Moral der bürgerlichen Gesellschaft, die ihr das Christentum mit Feuer und Schwert und Verfolgung eingeimpft hatte, beherrschte alles menschliche Denken und Fühlen.

»Besser unrecht leiden, als unrecht tun,« predigten salbungsvoll unsere Parteiblätter; also sich beugen, sich der Macht unterwerfen, Demut und Unterwürfigkeit für der Tugenden größte erklären, — konnte, durfte das die Ethik des Sozialismus bleiben?

Ich empfand das alles nur dumpf, wie einen Traum; ich hatte keine Zeit, Gedanken zu formen; ich hatte auch keine Kraft.

Sonderbar, wie elend ich mich fühlte. Als stünde mir eine große Krankheit bevor. Ich ballte die Hände, sodaß die Nägel mich in der Handfläche schmerzten: ich durfte nicht krank werden. Oft wenn ich mit meinem Sohn durch die Straßen ging, überfiel mich ein Schwindel. Dann lehnte ich mich an irgend eine Mauer, und er blieb vor mir stehen, die großen ernsten Augen ängstlich auf mich gerichtet. Und wenn ich abends mit irgend einer notwendigen Näharbeit bei ihm war, und er mir mit all dem überzeugten Pathos des Kindes vorlas, — Märchen und Gedichte, die feierlichsten am liebsten, — dann brauste es mir vor den Ohren, sodaß ich kaum seine Stimme noch hörte. Was war das nur?

Meinem Mann verschwieg ich meinen Zustand. Mein Junge war mein Vertrauter und mein Verbündeter zugleich. Er hatte mir versprechen müssen, dem Vater nichts zu sagen.

»Papachen hat soviel Ärger, er soll sich nicht auch noch um mich Sorge machen!« — Und dies erste Zeichen eines freundschaftlichen Vertrauens seiner Mutter hatte ihn sichtlich reifer gemacht.