Aber dann kam ein grauer Tag; der Regen klatschte unaufhörlich an die Scheiben; um meinen Kopf lag es wie ein Band von Eisen. Plötzlich aber mußte ich vom Stuhle springen, auf dem ich zusammengekauert gesessen hatte; ein Gedanke traf mich, blendend wie ein Blitz. Wie hatte ich nur so lange fragen können, was mir fehlte: ich war guter Hoffnung. »Guter« Hoffnung?! Sehnsüchtig hatte ich mir oft noch ein Kind gewünscht, hatte, wenn ich meinen Buben ansah, es fast als ein Naturgebot empfunden, mehr seinesgleichen zu gebären. Und jetzt? Wie anders fühlte ich mich, als da ich ihn unter dem Herzen trug: schwach, schwermütig, arbeitsunfähig. Und ich mußte doch arbeiten!
Seit wir in dem letzten Parteikampf so energisch die Rechte der Minderheit vertreten hatten, regnete es Angriffe auf das »parteischädigende Treiben der Neuen Gesellschaft«. Auf wessen Tisch die rotleuchtende Flammenschrift unseres Blattes entdeckt wurde, der erschien schon verdächtig.
Wenn meine Schwester kam, wurde mir heiß und kalt. Etwas wie Schuldbewußtsein machte mich ihr gegenüber immer scheuer. Wir mußten uns durchsetzen, — um jeden Preis! — Und ich biß die Zähne zusammen und trug schweigend meine Qual, bis ich nicht mehr konnte.
Meine Ärztin machte ein ernstes Gesicht: »Sie müssen sich vollkommen ruhig halten, sich vor jeder Aufregung hüten,« sagte sie mit scharfer Betonung.
Ich verzog den Mund zu einem Lächeln und ging heim, als schleppte ich eine Zentnerlast mit mir. Und wenn ich mich in irgend einen Erdenwinkel hätte verkriechen können, sie würde weiter drückend auf mir liegen. Wen einmal die Sorge umstrickt, den hält sie fest.
Eine krankhafte Angst bemächtigte sich meiner. Ich fürchtete mich vor dem keimenden Leben in mir wie vor einem Mörder. Ich malte mir in dunkeln Nachtstunden den Augenblick schreckhaft aus, wo der Ruin vor der Türe stand.
Und dann brach ich zusammen. Ehe das Kind in meinem Schoß Leben gewesen war, starb es. Während der langen dunkeln Stunden, die ich nun regungslos auf dem Rücken lag, richtete das Ungeborene zwei starre Augen auf mich, anklagend, richtend. Und ich beweinte es, als hätte es schon in meinen Armen gelegen.
Als ich wieder aufstehen durfte, nahm ich aus meiner Großmutter Zeichenmappe ein kleines, in zarten Farben gemaltes Bild: ein Köpfchen mit weißen Rosen bekränzt, — ihr jüngstes Kind, das gestorben war, ehe seine Lippen das erste »Mutter« zu lallen vermochten. Ich stellte es auf den Schreibtisch vor mich hin. Es sollte mich zu jeder Stunde daran erinnern, daß mein Kind zum Opfer gefallen war.
Ich erholte mich schwer. Mir fehlte der Wille zur Kraft.
Eines Abends saß ich mit meinem Sohne zusammen unter der grünumschirmten Lampe. Er war in das Buch vertieft, das aufgeschlagen vor ihm auf dem Tische lag.