»Das mußt du hören, Mama,« rief er aus; seine Augen glänzten vor Entzücken.

»Nun geht in grauer Frühe
Der scharfe Märzenwind,
Und meiner Qual und Mühe
Ein neuer Tag beginnt ...«

las er. In den Stuhl zurückgelehnt, hörte ich ihm zu.

»Kein Dräuen soll mir beugen
Den Hochgemuten Sinn;
Ausduldend will ich zeugen,
Von welchem Stamm ich bin..«

Ich richtete mich auf. »Ausduldend will ich zeugen, von welchem Stamm ich bin,« wiederholte ich leise, nahm meines Kindes Kopf zwischen beide Hände und küßte ihn auf die Stirn. Es war ein Gelöbnis.

Sechzehntes Kapitel

»Wie die Hasen auf der Treibjagd werden die Revolutionäre von den Soldaten zusammengeschossen,« — »fünfzehntausend Gefallene bedecken Straßen und Barrikaden —,« so meldete der Telegraph aus Moskau; »die Regierung hat uns betrogen! Der Zar hat sein Versprechen gebrochen! Die Knute der Kosaken herrscht wieder über uns,« — so klangen die Verzweiflungsschreie der Freiheitskämpfer über die Grenze. Und schwer und dumpf grüßten die Glocken das Jahr 1906.

Auf den eroberten Gebieten des Absolutismus halten unsere russischen Brüder ihre Siegeszeichen aufgepflanzt, und an ihnen waren die üppigen Ranken unserer Hoffnung wuchernd emporgewachsen. Jetzt lagen sie am Boden. Die Soldaten der Reaktion traten darauf.

Und doch bedurften wir in dem Kampf, den wir führten, der Siegeszuversicht. Ein rocher de bronce war Preußen noch immer, dem er galt, denn als die Frage der Abänderung des Dreiklassenwahlrechts im Landtag endlich zur Besprechung kam, da erklärte die Regierung: das Reichstagswahl recht ist unannehmbar, und fügte der Absage durch den Mund des Ministers von Bethmann Hollweg die versteckte Drohung hinzu: »das Gefühl der Unlust besteht ja auch im Reiche, wo wir noch dieses angeblich ideale Wahlrecht besitzen.« Noch! — Wir hatten achtzig Abgeordnete im Parlament, und doch würde Preußens Reaktion sie mit einer Handbewegung beiseite schieben. Es klang wie ein Hohn unserer Ohnmacht, wenn der Kanzler die Machtmittel des Staats für ausreichend erklärte, um »Pöbelexzesse zu verhindern.« Er hatte recht. Es kam zu keinen Exzessen.

Die Einführung des Zolltarifs stand vor der Türe. Mit neuen Steuern und Abgaben drohte eine Reichsfinanzreform. Im Hintergrund lauerte das Raubtier des Kriegs, und die Diplomaten, die mondelang in Algeciras beisammensaßen, um es in Ketten zu legen, schienen es statt dessen groß zu füttern. Für neue Kriegsschiffe agitierten die Regierungsparteien und malten den Weltbrand glutrot auf die leere Leinwand der Zukunft. Aber das Volk hörte gleichgültig zu, als ginge es das alles nichts an. Wo es im Laufe der letzten Jahre bei Nachwahlen zum Reichstag um sein Verdikt gefragt worden war, hatte es Junkern und Junkergenossen das Feld überlassen.