»Mir ist eine kleine Schar überzeugter Genossen lieber, als eine große Menge unsicherer Mitläufer,« hatte Bebel wiederholt gesagt. Das sollte ein Trost sein und war bei Licht besehen nur die Konstatierung einer Tatsache, denn der Zuzug aus bürgerlichen Kreisen hatte sich verlaufen. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, — das war der Trunk gewesen, an dem sich deutsche Träumer von jeher berauscht hatten. Diesmal war er von der Sozialdemokratie kredenzt worden. Als sie aber erwachten und die Welt noch immer nicht ihren Dichteridealen entsprach, und die Genossen die Ritter vom heiligen Gral nicht waren, die sie in ihnen gesehen hatten, da versanken sie wieder in politische Gleichgültigkeit.

In die Maienpracht junger Hoffnungen war der Reif der Enttäuschung gefallen. Es schien fast, als ob alle Knospen daran sterben sollten.

An jenem »roten Sonntag«, der in ganz Preußen der Demonstration gegen das Dreiklassenwahlrecht gewidmet war, sprach ich in einem kleinen Fabrikort Brandenburgs. Es war ein trüber Abend; der Saal lag abseits zwischen hohen Mauern in einem feuchten Grunde. Mein Appell an die Begeisterung, an die Widerstandskraft verhallte wirkungslos. Und es war nicht nur meine Schuld, daß das Feuer nicht brennen wollte. Regenschauer hatten das Holz naß gemacht, so daß es nur knisterte. Wir protestierten gemeinsam gegen die preußische und gegen die russische Reaktion, aber mir schien, als stünde hinter diesem Protest nicht der Wille zur Tat, sondern ein resigniertes Gefühl der Ohnmacht.

Die Neue Gesellschaft führte die Sprache der Kraft. War sie nicht mehr die der Massen, daß sie sie nicht hören wollten?

Frühling und Sommer zogen an unseren Fenstern vorbei. Wir saßen gebückt am Schreibtisch und wagten nicht, einander in das Antlitz zu schauen. Zuweilen war mir wie einem, der in eine Hütte mit blinden Scheiben gesperrt ist und nichts sieht als den Staub und die Dürftigkeit der nächsten Nähe. Dann durstete ich so sehr nach Luft und Sonne, daß ich jeden Hauch, der durch die Türe drang, jeden Strahl, der sich hinein verirrte, wie einen Boten der Erlösung begrüßte.

Meine Schwester hatte sich verlobt.

»Jetzt erst weiß ich, was Liebe ist,« hatte sie mir mit glühenden Wangen und heißen Augen zugeflüstert. Das Leben war ihr viel schuldig geblieben, darum glaubte ich freudig daran, und ihr Glück ließ mich ihr gegenüber freier atmen, darum unterdrückte ich jeden Zweifel. Sie führte uns ihren Verlobten zu, einen jungen Arzt, hinter dessen auffallender Schweigsamkeit ich den Menschen zu sehen mich zwang, den sie lieben konnte. Sie heirateten bald. Auf den Höhen der Schwäbischen Alb übernahm er die Leitung eines Sanatoriums. Sie schrieb Briefe, die ein einziger Jubel waren, und sandte Bilder mit Bergen und Wäldern und weiten Blicken über friedliche Täler. Aber es fiel auf meine Seele nur wie ein Sonnenstrahl aus dem Gewölk, das sich danach nur noch dichter und dunkler zusammenzog.

Um jene Zeit erging von einem aus den Anhängern der verschiedensten Parteien bestehenden englischen Komitee, dem unter anderen auch eine große Zahl englischer Parlamentsmitglieder angehörte, an die Zeitungen aller deutschen Parteien die Einladung zu einem Besuch nach England. Angesichts der gewissenlosen Hetze und der Kriegstreiberei höfisch-militärischer Kreise und ihrer Werkzeuge in der Presse sollte diese Veranstaltung dazu dienen, die wahre Gesinnung des englischen Volkes kennen zu lernen und die freundschaftlichen Beziehungen der beiden Länder wieder fördern zu helfen. Keir Hardie, der Führer der englischen Arbeiterpartei, hatte die Einladung mit unterzeichnet. Auch bei der Redaktion der Neuen Gesellschaft lief sie ein, von einem Brief meines alten Freundes Stead begleitet, der die Hoffnung aussprach, wir würden ihr Folge leisten.

England! Wieviel Erinnerungen wurden in mir wach! Es war mir das Sprungbrett des neuen Lebens gewesen. Vielleicht, daß es mich nun aus seinem Labyrinth wieder ins Freie zu führen vermöchte! Meine Hoffnung sah einen Weg aus der Not und der Enge heraus, — und wenn's nur ein flüchtiges Aufatmen wäre in freier Luft! Mein Mann legte die Einladung beiseite wie etwas selbstverständlich Abgetanes.

»Meinst du nicht, daß ich sie annehmen könnte, — in unserem Namen,« fragte ich zögernd. »Ich möchte fort, — hinaus, ein einziges Mal nur!« —