In der Nacht darauf öffnete sich die Tür zu meines Sohnes Zimmer, er stürzte auf mich zu, umschlang meinen Hals und schluchzte verzweifelt: »Warum weinst du nur so? Warum weinst du nur so?!«
In diesem Augenblick wußte ich, daß ich ein Opfer bringen mußte wie keines zuvor. Ich weinte nicht mehr. Ich war ganz still und ganz entschlossen. »Otto darf den Zusammenbruch nicht mit erleben,« sagte ich zu meinem Mann. »Schon jetzt ist er wie vergiftet, — gar kein Kind mehr —«
Ich erwartete eine heftige Szene.
Statt dessen erhellten sich Heinrichs Züge. »Nun bist du wieder meine tapfere Alix« — damit drückte er mir die Hand, so herzlich wie seit Monden nicht — »natürlich ist das für alle Teile das Beste. Wir beide bauen ungehindert ein neues Leben auf, und er wird irgendwo auf dem Land wieder ein starker, froher Junge ...«
Ich hörte seine Stimme nur noch wie ein fernes Brausen. So nahm er auf, wovon ich nie gesunden würde: — fast froh! Ich starrte ihn an; die schreckliche Erregung verzerrte mir sein Bild, als hätte ich ihn noch nie gesehen. Mit diesem Mann hatte ich mein Leben verknüpft, — und eben noch den Gedanken an eine Trennung weit, weit von mir gewiesen?! Mir schien, als wäre die Trennung vollzogen, lange schon, sonst hätte er in dieser Stunde, da mein ganzes Leben zusammenbrach, so nicht zu mir sprechen können, — so nicht!
Ich schrieb an einen Freund Egidys, den ich seit der Zeit, da ich ihn in dessen Hause traf, hie und da wiedergesehen hatte. So selten das gewesen war, mit einem Gefühl warmer gegenseitiger Anteilnahme waren wir uns immer begegnet. Jetzt leitete er eine Schule hoch oben im Thüringer Wald. Ich sprach ihm rückhaltlos von der Lage, in der wir uns befanden. »Mein Sohn leidet darunter, halb unbewußt, und ich will ihm das Schlimmste ersparen, will seine Jugend nicht hineinreißen in den Strudel unseres künftigen Lebens. Sie sehen, es ist ein Freundschaftsopfer das ich von Ihnen erwarte —,« hier zitterte mir die Hand und versagte den Dienst.
Er antwortete umgehend, mit einem zarten Takt, der mir wohltat: »Ihr Sohn soll uns von Herzen willkommen sein. Und kein drückendes Gefühl darf Ihnen daraus entspringen. Überlassen Sie ruhig der Zukunft die materielle Seite der Sache. Da er Ihr Kind ist, wird er unserer Schule mehr geben, als er erhält und sich durch Gold aufwiegen läßt..«
Zu Ostern wollte ich ihn hinbringen, aber ich verschob es von Tag zu Tag, mit ihm davon zu sprechen; er war so glücklich, daß ich auf einmal immer bei ihm war, mit ihm spielte, mit ihm spazieren ging, ihm Geschichten erzählte wie in der schönen alten Zeit.
Indessen erschien die letzte Nummer der Neuen Gesellschaft, mit einem kurzen Abschiedswort an die Leser. Keiner von unseren Gesinnungsgenossen hatte ein Wort des Bedauerns dafür, niemand von denen, für deren Überzeugung sie gekämpft hatte, ohne sich durch gehässige Angriffe und gemeine Verleumdungen vom Wege ablenken zu lassen, der ihr als der rechte erschien, kümmerte sich um uns. Keinem konnte es ein Geheimnis sein, daß wir alles verloren hatten, aber kaum ein einziger hatte auch nur eine teilnehmende Frage danach. Wir waren abgetan, — fertig. Die Genossen gingen über uns hinweg wie die Soldaten im Krieg über die gefallenen Kameraden auf dem Schlachtfeld.
Damals hatte ich dafür nur eine verächtliche Gebärde. Große Schmerzen sind ein Palliativmittel gegen die kleinen.