Nur in der Parteipresse gab es Leute, die mich beschimpften; es war in dem Buch auch von Fürsten und Aristokraten die Rede, die keine Schufte waren. Als ich es las und mein Herz dabei nicht einmal schneller klopfte, erschrak ich: Sollte ich so stumpf geworden sein? Oder stand ich den alten Genossen so fern? Erst allmählich fing ich an, mich selbst zu verstehen.

»Geht es dir so nahe, daß du nicht darüber zu sprechen vermagst?« fragte mich mein Mann.

»Es ärgert mich nicht einmal,« antwortete ich.

Sein Gesicht leuchtete auf: »So stehst du endlich über den Dingen und wertest die Menschen, wie sie es verdienen.«

»Du verstehst mich nicht ganz,« wandte ich ein. »Nicht nur weil ich weiß, daß sie mir in Wahrheit nichts anhaben können, gräme ich mich nicht mehr über Urteile wie diese, sondern weil ich sie verstehe —«

Er sah mich ungläubig lächelnd an.

»Ja, ich verstehe sie,« wiederholte ich. »Uns trennt ein unüberbrückbarer Abgrund: der der inneren Kultur. Wie die Genossinnen sich ständig über mein Äußeres ärgerten, — weil ich eben anders war als sie, — so muß der Durchschnitt der Genossen an meinem Wesen Anstoß nehmen.«

»Hm —,« machte mein Mann, »das klingt —«

»Sehr hochmütig,« vollendete ich. »Ganz gewiß! Und doch ist es weit von jedem Hochmut entfernt. Was ich wurde, bin ich anderen schuldig: Nicht nur meinen Vorfahren, sondern auch den vielen Tausenden, die deren gesicherte Existenz, deren geistige Entwicklung durch ihr sklavisches Arbeitsleben erst möglich machten.«

»Folgerst du nun aus deiner Behauptung, daß Menschen wie du sich von der Partei fern halten müßten? Daß also der Satz: ›Die Befreiung der Arbeiterklasse kann nur ein Werk der Arbeiterklasse selbst sein‹ im Sinne der radikalen Genossen, die heute jeden Überläufer zurückweisen möchten, aufgefaßt werden darf?« fragte Heinrich interessiert.