»Damit würde ich mich selbst negieren,« rief ich lebhaft. »Ich folgere zunächst etwas rein Persönliches: daß ich den Genossen unrecht tat, wenn ich ihnen ihre Feindseligkeit zum Vorwurf machte; daß es himmelblauer, allen realen Erfahrungen spottender Idealismus war, wenn ich von ihnen Anerkennung, Verständnis, Anteilnahme erwartete. Sind sie uns denn in ihrer Masse persönlich anziehend? Stören uns nicht schon eine Menge bloßer Äußerlichkeiten? Verstehen wir sie denn so gut?«

»Du vergißt, wie mir scheint,« warf Heinrich ein, »daß eine Reihe Akademiker ganz im Proletariat aufging —«

»Ich glaube es nicht, so demagogisch sie sich auch gebärden mögen, um den Anschein zu erwecken, es wäre so,« entgegnete ich. »Wenn ihre Kultur nicht nur Tünche ist, so rächt sich ihre Heuchelei in stillen Stunden bitter an ihnen. Weißt du —,« fügte ich langsam hinzu, »sobald ich mir Wanda Orbins früh gealterte, durchfurchte Züge vergegenwärtige, bin ich gewiß, daß sie empfindlich darunter leidet —«

Heinrich runzelte die Stirn: »Du gehst denn doch ein wenig weit in deinem Mitgefühl. Willst du vielleicht auch ihr Verhalten gegen dich beschönigen?«

»Beschönigen — nein; erklären — ja! Sie muß herrschen, um die Preisgabe der inneren Freiheit ertragen zu können. Infolgedessen beseitigt sie jeden, der ihr im Wege steht, — ganz abgesehen davon, daß ich ihrem fanatischen Radikalismus als Schädling erscheinen mußte!«

»Das Endresultat deiner Erwägungen,« sagte mein Mann mit einem leisen Spott im Ton der Stimme, »ist demnach ein erhaben christliches: Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen —«

Ich hob abwehrend beide Hände. »Nein, nein, nein!« rief ich aus und stand auf, um mit raschen Schritten im Takt meines Herzschlages auf und ab zu gehen. »Vom Christentum bin ich weiter entfernt denn je. Die tief eingewurzelte christliche Auffassungsweise ist es ja, die uns zu so falscher Stellungnahme getrieben hat. Da ist zunächst die christliche Idee der Selbstaufopferung. Keiner von uns Überläufern, mich selbst eingeschlossen, hat sich nicht zuweilen mit einer Art pfäffischer Selbstzufriedenheit an seinem eigenen Opfermut berauscht, hat sich nicht innerlich vorgerechnet, was er alles um der Sache willen aufgab, hat sich nicht das Leben in dem Gefühl verbittert, daß die Genossen dieses Opfer nicht zu würdigen verstehn. Wenn ich schon als Kind außerstande war, den Opfertod Christi als solchen zu empfinden, — nicht nur, weil er als Gottessohn die Gewißheit ewigen Lebens besaß, sondern weil es mir nicht so heldenhaft erschien, in der Ekstase des Glaubens für die Erlösung der ganzen Menschheit zu sterben, — so weiß ich jetzt, daß unser Opfer gar kein Opfer ist, sondern im Gegenteil Selbstbehauptung. Es wäre ein Opfer gewesen, — und eine Sünde wider den Geist wie jedes ›Opfer‹, — wenn ich mich nicht zum Sozialismus bekannt hätte. Seiner Überzeugung nicht folgen, die Stimmen seines Innern nicht hören wollen, — das allein sind Opferungen; die sie bringen, sind arme Lebensschwache. Auch ich habe mich solcher Sünden schuldig gemacht: als ich mich einmal Wanda Orbin unterwarf, als ich Forderungen meines Geistes und Herzens zum Schweigen brachte.«

»Auch des Herzens?« unterbrach mich mein Mann.

»Weißt du nicht mehr, — damals, — als meine Sehnsucht nach dir rief — und ich sie unterdrückte!«

Er nickte mit gesenktem Kopf. »Ich habe mir schweren Schaden getan,« bekannte ich, als spräche ich jetzt nur mit mir selber, »die Liebe ist eine Quelle der Kraft. Daß so viele Frauen so klein sind und so armselig, liegt wohl nur daran, daß sie sich selbst verurteilen, daneben zu stehn, während die anderen die freien Glieder in ihrem brausenden Strome baden.«