»Glücklichsein — im Sinne der Befriedigung unserer Triebe ist doch auch nur ein Herdenideal. Wessen Leben es ausfüllt, der ist entweder ein Schwächling oder ein Greis —«
Er drückte mir die Hand. »Sie sind eine merkwürdige Frau. Vielleicht komme ich nach Berlin und lerne auf meine alten Tage noch leben. Nur eins geben Sie mir bitte jetzt schon auf den Weg: Sind Sie so kalt, daß Sie das Glück ganz auszuschalten vermögen, und — wenn nicht — was verstehen Sie darunter?«
Ich atmete tief auf. Ich sah mich an einem Tage wie diesem mit dem Geliebten im Wald, — die Sehnsucht packte mich, so heiß, so stark, daß ich erschauerte. Aber dem fremden Mann, der erwartungsvoll vor mir stand, hätte ich nicht sagen können, was mich bewegte. »Kampf, — Kraftentfaltung, — Widerstände beseitigen, — sie aufsuchen, wenn sie sich nicht von selbst ergeben, — darin kulminiert das Lebensgefühl der Starken,« sagte ich.
Er verabschiedete sich. Ich sah ihn im Hause verschwinden, mit gebeugtem Rücken, sehr müde.
Auf der Heimfahrt klopfte mir das Herz unruhiger als sonst. Ich dachte an Heinrich. Seine Lebensauffassung war's, der ich Worte geliehen, an der ich mich selbst zuerst aufgerichtet hatte, und die nun wie ein Fluidum in meine Seele geströmt war. Ein Gefühl tiefer Zusammengehörigkeit überkam mich, das ich noch nie empfunden hatte, — am wenigsten dann, als wir, an den gleichen Pflug gespannt, unzertrennlich waren. Vielleicht, daß Freunde so miteinander leben und arbeiten können; — Liebende nicht, sicher nicht! Aber sind es nicht die besten Ehen, die zur Freundschaft werden? Oder ist das nicht auch eine jener alle Natürlichkeit knechtenden Anschauungen, die wir armen Menschen uns von der Moral des Christentums einpauken ließen, einer Moral, für die die Sinne und die Sünde identisch waren, der ihre Überwindung als der Tugend Krone erschien?! Ehe ist der Bund zweier Liebenden; wo sie zur bloßen Freundschaft wurde, sind die Sinne tot oder äugen sehnsüchtig nach anderer Befriedigung.
Die Ehe von einst beruhte auf der Autorität des Mannes gegenüber der Frau, der Autorität der Eltern gegenüber den Kindern, — ein Staat im kleinen mit Herren und Knechten. Jetzt aber stehen Individualitäten einander gegenüber. Das Leben von einst läßt sich ihnen wohl noch aufzwingen, aber sie zerbrechen daran. Zur Herdflamme wird die Liebe nicht mehr. Aber zum lodernden Opferbrand an den hohen Festen des Lebens!
Für die Liebe ist der sicherste Tod die Unfreiheit. Sie wächst mit dem Pathos der Distanz.
Wie ein kleines Mädchen, das zum ersten Male liebt, wagte ich kaum mir selbst zu gestehen, was ich fühlte. Als mein Mann mich am Bahnhofe empfing und mir die Hand küßte, errötete ich. Und abends ertappte ich mich dabei, wie ich im Spiegel forschend meine Züge musterte und die Haare anders zu stecken versuchte. — Er war jetzt immer so förmlich, so ritterlich zu mir! Ob ich am Ende zu alt war: — Zweiundvierzig Jahre! In Paris hatte ich Frauen gesehen, die älter waren als ich und doch noch schön. Freilich: das Leben hatte mich gezeichnet! — Ganz heimlich — ich hätte mich sonst vor ihm zu sehr geschämt! — fing ich an, mich mehr zu pflegen als sonst, die Farbe meiner Kleider, die Form meiner Hüte sorgfältiger auszuwählen. Ich verschwendete fast. Ganz, ganz in der Ferne sah ich einen neuen Sommer voll Glanz und Glut. Noch lag er im Zauberschlaf, tief unten in der winterstarren Erde. Aber meine Sehnsucht trog mich nicht: er mußte kommen.
Neunzehntes Kapitel
In Eis gepanzert, einen langen Mantel von Schnee um die Schultern, trat das neue Jahr seine Herrschaft an. Gleichgültig sahen seine kalten Augen über die Menge hinweg, die jammernd die Arme zu seinem Thron erhob.