Die Not war groß. Brot und Fleisch waren teuer, und für die Menschenkraft, die sich billig anbot, gab es keine Arbeit. Der Winter trieb die Arbeitslosen in Scharen in die Wärmehallen; vom frühen Nachmittag an drängten sich die Obdachsuchenden vor den Asylen. Wer in ihre Nähe kam, den trafen Blicke, in denen der Haß gegen die Herrschenden, der Groll mit dem Schicksal flammte. Das waren keine Almosen heischenden Bettler mehr, keine in ein gottgewolltes Geschick Ergebenen.

Das Proletariat füllte den ganzen Winter über die Säle, um gegen eine Politik zu protestieren, die zwar mit den Insignien des Konstitutionalismus prunkte, aber nur ein Werkzeug des Absolutismus war. Es wußte von den Millionen neuer Steuern, die drohten, es hatte erfahren, daß es gegen die geeinte Reaktion machtlos war, daß die eiserne Hand Preußens auf ihm ruhte, wenn es sich aufrichten wollte. Es erkannte, daß es Mauern und Gräben zu bewältigen galt, ehe die feste Burg, der Staat, ihm zufiele. Junker und Pfaffen hielten sie besetzt, bereit, nur über ihre Leichen den Weg frei zu geben.

Der erste Akt des Dramas begann.

Vor dem Abgeordnetenhaus in Berlin eine dichtgedrängte Menschenmasse. Polizisten zu Fuß und zu Pferd, den Revolver im gelben Gürtel, halten die Zufahrt frei. Und hinter ihnen stehen Tausende, Männer, Frauen, Kinder. Sie warten. Sie besetzen die Auffahrt des gegenüberliegenden Kunstgewerbemuseums. Sie halten Umschau von oben. Und plötzlich biegt in scharfem Trabe eine Karosse um die Ecke der Prinz Albrechtstraße. »Der Reichskanzler!« gellt es laut. Die Menge flutet ihm entgegen, ihm nach, eine einzige dunkle Welle. Und brausend tönt es um ihn: »Hoch das freie Wahlrecht!« Dann wieder Stille. Sie wartet weiter.

Und auf der Rednertribüne des Abgeordnetenhauses erscheint Fürst Bülow zur Beantwortung des freisinnigen Antrags: Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts mit geheimer Stimmabgabe für den preußischen Landtag. Mit unterschlagenen Armen, ruhig und selbstbewußt, den harten Ausdruck geborener Herrscher auf den Zügen, sitzt die Mehrheit vor ihm. Sie weiß, was sie zu erwarten hat; dieser Mann ist ein Erwählter des Kaisers, nicht des Volkes, und der Kaiser ist der Ihre.

»... Für die Königliche Staatsregierung steht es nach wie vor fest, daß die Übertragung des Reichstagswahlrechts auf Preußen dem Staatswohl nicht entspricht und daher abzulehnen ist. Auch kann die Königliche Staatsregierung die Ersetzung der öffentlichen Stimmabgabe durch die geheime nicht in Ansicht stellen.«

Scharf, ohne die liebenswürdigen Floskeln des Weltmannes, ohne das verbindliche Lächeln des Diplomaten, klingt die Erklärung durch den Saal.

Das Volk draußen wartet. Da nahen neue Schutzmannspatrouillen; hart schlägt ihr Tritt auf den Asphaltboden auf, Pferdehufe klappern dazwischen, — die Begleitung zum Text des Kanzlerliedes.

Das Volk zieht sich zurück.

Zwei Tage später. Ein heller Wintersonntag. Mittags Unter den Linden das gleiche Bild wie immer: flanierende Damen und Herren, Offiziere und Studenten, hinter den Spiegelscheiben der Kaffees neugierige Sonntagsbummler.