Die beiden Tage schleppten sich hin wie ebenso viele Jahre, jede Stunde beladen mit Qualen, mit Selbstvorwürfen, mit Zweifelfragen. Hatte ich nicht das Leben dieser Menschen zerstört, hatte den, der mir auf der Welt der liebste war, in einen Kampf gerissen, der für ihn vielleicht des Einsatzes nicht wert sein würde, hatte dem Kinde schon im Mutterleibe den Vater gestohlen!

Und dann kam der Tag und die Stunde. Ich wartete von mittags bis abends. Jeder Schritt auf dem Hof ließ mich auffahren, vor jedem Laut, der von drüben klang, zitterte ich. Minuten gab es, in denen ich die Hände faltete, wie ein kleines Kind, wenn sinnlose Angst es den schützenden Vater im Himmel suchen ließ. Aber durfte ich beten — ich! —, selbst wenn ich noch glauben könnte?! Die Bilder auf meinem Schreibtisch starrten mich an und sahen mir nach, wohin ich auch im ruhelosen Auf- und Abwandern mich wandte: der Vater, der einst einen braven Offizier seines Regiments für unwürdig erklärt hatte, weiter des Königs Rock zu tragen, weil er das Weib eines andern liebte; die Mutter, deren ganzes Leben unter dem einen Gesetz der Pflichterfüllung stand; — aber lugte nicht neben ihr aus dem Rahmen ein stilles, edles Antlitz hervor mit gütigen dunkeln Augen? »Großmama,« schluchzte ich leise. O, daß ich den Kopf in ihrem Schoß vergraben, ihr beichten und aus ihrem Munde mein Absolve te hören dürfte!

War das nicht sein Schritt? Ich riß das Fenster auf. Klang nicht ein Ruf zärtlich aus dem Dunkel? Mit angehaltenem Atem horchte ich. Klopfte es nicht an der Pforte? Oder war es mein eigenes Herz, das ich hörte? Ich blieb auf dem engen, kleinen Flur, an die Mauer gelehnt, mit krampfhaft aufgerissenen Augen und pochenden Schläfen. Die Treppe draußen knarrte, ich griff an die Klinke, die Türe sprang auf —

»Alix!« Welch ein Ton war in seiner Stimme! Halb bewußtlos sank ich in seine weitgeöffneten Arme.

»Sie willigt in die Scheidung.«

Viertes Kapitel

An einem jener norddeutschen Apriltage, wo Frühling und Winter einander wie Feinde vor dem Ausbruch des Kampfes lauernd umschleichen, die Sonne auf hellen Plätzen Sommergrüße vom Himmel sendet und daneben der feuchtkalte Wind triumphierend durch schattige Straßen fegt, ging ich zum Abschiednehmen zu den Eltern.

Seit jenem Tage, wo mein Vater mich im Zorn verlassen hatte, war ich nicht mehr bei ihnen gewesen. Selbst die notwendigen geschäftlichen Auseinandersetzungen, die sich an den Tod einer Verwandten und der mir und meiner Schwester zugefallenen kleinen Erbschaft knüpften, hatte mein Vater schriftlich erledigt. Jetzt aber hatte er mich vor meiner Abreise noch einmal sehen wollen.

Er empfing mich ernst und gemessen. »Du siehst schlecht aus,« sagte er dann und ein liebevoll besorgter Blick strafte seine äußere Strenge Lügen. Ich wußte es: die letzten Monate hatten meine Nervenkraft erschöpft; ich bedurfte der Erholung, aber mehr noch des Fernseins von Berlin während des bevorstehenden Scheidungsprozesses. »Die Erbschaft kommt dir wirklich zustatten,« fuhr er fort. Er ahnte nicht, in welchem Umfang er recht hatte!

Eine konventionelle Unterhaltung entspann sich. Und doch war mir das Herz so voll: ich allein wußte von uns allen, wie weit ich mich mit diesem Abschied von ihnen entfernte, — vielleicht auf Nimmerwiedersehen. Ein Wort der Dankbarkeit, der Liebe hätte ich gern gesagt; — in der Temperatur, die zwischen uns herrschte, erfror es, noch ehe es über die Lippen kam.