»Es ist mir nicht recht, daß du allein in die Welt hineinreist,« sagte mein Vater, als ich schon an der Türe stand, »Ihr Jungen denkt anders darüber, — Einfluß habe ich keinen mehr, — ich kann nur hoffen, daß du dich stets erinnerst, was du deinem Namen schuldig bist.« Seine Augen ruhten forschend auf mir. Ich reichte ihm stumm die Hand: »Lebewohl, Papa —« Ich zwang meine Stimme, nicht zu zittern. »Lebwohl,« antwortete er mit einem Seufzer. Einen Kuß gab er mir nicht mehr.

Die Mutter begleitete mich auf den Flur.

»Hast du etwas besonderes zu schreiben,« sagte sie mit Betonung, »so lege stets einen besonderen Zettel dem Brief an mich bei, damit ich ihn Hans ohne Schaden zeigen kann.« Ich hatte die Empfindung, daß mein Weggehen sie erleichtere. Ilse kam noch bis auf die Straße mit mir.

»Du, Schwester, ist es wahr, daß Dr. Brandt sich deinetwegen scheiden läßt?!« flüsterte sie hastig mit glänzenden Augen. Aufs peinlichste überrascht starrte ich sie an. Sie preßte mir stürmisch die Hand: »Du, — das ist furchtbar interessant! Freilich —« und nachdenklich kaute sie an der Unterlippe — »mit Papa werden wir wieder aushalten müssen!«

Ein Regenschauer trieb sie ins Haus zurück. Fröstelnd zog ich den Mantel fester, der Wind zerrte daran und warf mir eiskalte Tropfen ins Gesicht.

Am Abend fuhr ich nach München, wo Heinrich den Zug bestieg. Er hatte seine Söhne in Pension, Rosalie und den Kleinen mit der Pflegerin aufs Land gebracht.

»Es gab wieder eine Szene,« erzählte er, »ihre innere Stimme, an die sie nun einmal glaubt, hat ihr gesagt, daß du mich unglücklich machen würdest. Aus Mitleid wollte sie darum alles verzeihen und mich in Gnaden wieder aufnehmen. Als ich darauf verzichtete, prophezeite sie mir mit dem Pathos einer Kassandra, ich würde noch einmal kniefällig um ihre Liebe betteln. Und als auch das ohne Eindruck blieb, machte sie allerlei dunkle Andeutungen über Zeugenaussagen im Prozeß, und die Pflegerin lachte mich dabei so impertinent an, daß ich grob wurde.«

»Nicht umsonst habe ich mich immer vor ihr gefürchtet,« sagte ich trübsinnig.

»Mein armer, kleiner Angsthase!« lächelte er, halb ungeduldig, halb belustigt. Im Lexikon seiner Gefühle hatte das Wort »Furcht« keinen Platz gefunden. »Du bist so tapfer und kannst so feige sein! Haben wir nicht bisher schon über alles Erwarten Glück gehabt, und du willst verzagen — gerade jetzt, wo wir dem Frühling entgegenfahren?«

Voll tiefen Vertrauens lehnte ich mich in den Arm zurück, der mich umschlang, und sah still den weißen Flocken zu, die vor den Fenstern tanzten, und den in dunkeln Schleiern schwer herabhängenden Wolken, die der Zug durchschnitt. Es tat so gut, sich in der Obhut des Geliebten zu wissen, seinen starken Schultern aufzubürden, was ich allein nicht hätte tragen können.