»Das nicht. Aber freiere Menschen.«
»Darüber dürften Generationen vergehen. Die Gewohnheit ist wie eine Haut und läßt sich nicht auf einmal abziehen. Du mußt unsere Genossen bei der Arbeit kennen lernen, nicht beim Souper.«
Die erste Gelegenheit dazu bot sich bald. Adolf lud uns ein, der Sitzung der Gewerkschaftskommission beizuwohnen, in der die Vorschläge Dr. Quarcks erörtert werden sollten. In einem Lokal der Kommandantenstraße fand sie statt. Durch die enge Kneipe, wo es nach schlechtem Fett und süßlichem Schnaps roch, und den regenfeuchten dunkeln Garten, wo ein paar verkümmerte Kastanien zwischen haushohen Mauern einen endlosen Todeskampf führten, ging es in die große, hölzerne Veranda, deren spärliche Gasflammen die dichtgedrängte Menge unruhig beleuchteten. Gegen hundert verschiedene Berufe waren durch ihre Delegierten vertreten, fast lauter ernste, ältere Männer im Sonntagsrock, die Zigarre zwischen den Lippen, den Bierkrug vor sich; nur zwei Frauen unter ihnen: Martha Bartels und Ida Wiemer. Sie sahen uns kommen. Aber während Martha Bartels den leeren Stuhl neben sich hastig aus der Reihe schob und meinen Gruß frostig und fremd erwiderte, kam uns Ida Wiemer freundlich entgegen und zog uns an ihren Tisch. »Haben Sie die Bartels gesehen?« flüsterte sie mir zu. »Sie hat den Moralkoller, wie alle alten Jungfern.« Mühsam drängte sich Reinhard mit seinem steifen Bein durch die Reihen, um uns die Hand zu schütteln. »So kann ich Ihnen noch persönlich gratulieren,« sagte er herzlich, »und uns dazu, weil Sie nun ganz Genossin sind.«
Er war der Referent des Abends. Mit einer Schärfe, die mir die Wichtigkeit der Sache zu überschätzen schien, wandte er sich gegen die Vorschläge Quarcks. Erst allmählich hörte ich das Leitmotiv aus seiner Rede heraus: den Gewerkschaften die Beratung und Beschlußfassung sozialpolitischer Fragen überlassen, hieße den Frieden zwischen Gewerkschaft und Partei gefährden, hieße den Parteitagen, die sich bisher allein damit beschäftigt haben — »den Bedürfnissen und Interessen der deutschen Arbeiterklasse vollständig entsprechend« —, Sonderorganisationen gegenüberstellen, in die der Einfluß bürgerlicher Sozial reformer einzudringen imstande sein würde. Die folgende Diskussion verschärfte noch den Eindruck, den ich gewonnen hatte.
Es fielen harte Worte, vor denen ich erschrak, weil sie mir eine Vorahnung dessen gaben, was mir bevorstehen mochte. »Ein Mensch, der in seiner bürgerlichen Existenz Fiasko gemacht hat, will uns, — lauter alte erprobte Gewerkschafter, — auf neue Wege führen,« sagte der eine unter dem Applaus der Anwesenden. »Erst soll er, wie jeder Arbeiter auch, in die Schule gehen, ehe er das Maul aufreißt.« — »Eine Sozialpolitik, wie Quarck sie empfiehlt, ohne Parteipolitik, ist nichts als jene Politik bürgerlicher Reformer, zu denen er im Grunde noch gehört,« rief ein anderer. »Wenn er mit seiner bescheidenen Parteistellung nicht zufrieden ist, dann hätte er lieber gleich sagen sollen: für einen so großen Mann wie mich muß eine Extrawurst gebraten werden, statt seine Wünsche hinter die Forderung eines Zentral-Gewerkschaftsbureaus zu verstecken,« meinte ein dritter Redner, dem die verbissene Wut aus dem roten Gesicht leuchtete. Erhob sich die Debatte über persönliche Gehässigkeiten hinaus, so stand auf der einen Seite die geschlossene Phalanx derer, die mit leidenschaftlichem Eifer den Nachdruck auf die Gewinnung der politischen Macht durch die Gesamtheit der Partei gelegt wissen wollten und den Gewerkschaften den internen Kampf um bessere Lohn- und Arbeitsverhältnisse als alleinige Aufgabe zuwiesen, auf der anderen Seite die sehr Wenigen, aus deren Worten die Unzufriedenheit mit der praktischen Gegenwartspolitik der Partei leise herausklang, und die vom Einfluß der Gewerkschaften auf die soziale Gesetzgebung ein Wiederaufleben der Sozialreform erhofften. Ganz nebenbei erwähnte auch jemand, daß unsere Vereinsgesetzgebung den Gewerkschaften aus der Beschäftigung mit Sozialpolitik einen Strick drehen und die Organisierung der Frauen unmöglich machen könnte. Keiner ging weiter auf diese Bemerkung ein, auch die Frauen schwiegen, ich war zu schüchtern, um in diesem Kreis für mein Geschlecht eine Lanze zu brechen. Mir schien dieser Grund ausschlaggebend, um die Vorschläge unausführbar zu finden.
Ich fühlte mehr, als daß ich verstand: unter diesen Männern, die so eifrig debattierten, die alle so selbstverständlich nur ein Ziel im Auge hatten, das Wohl ihrer Klasse, schlummerten Gegensätze, die irgendwann und -wo an die Oberfläche würden treten müssen.
Wir gingen noch zusammen ins Kaffee: Reinhard, der Schwager, die beiden Frauen und wir. Martha Bartels hatte sich erst durch Reinhards langes Zureden dazu bewegen lassen. »Wir müssen doch unsere Enquete besprechen,« hörte ich ihn noch sagen, als sie sich uns näherte. Ida Wiemer stieß mich mit dem Ellbogen an und schob dann vertraulich ihren Arm in den meinen: »Sie wissen doch: Genossin Bartels verbreitet, daß Sie nur, um einen Mann zu finden, in die Partei kamen.«
Das gab meinem Herzen einen Stich: Martha Bartels war fast die einzige, die die Motive meines Schritts hätte richtig beurteilen müssen. Sie blieb steif und zurückhaltend und taute erst auf, als Adolf vorschlug, ein paar Frauenrechtlerinnen, die sich während des Streiks bewährt hatten, zur Arbeit heranzuziehen. »Niemals!« rief sie leidenschaftlich. »Wir werden ihnen doch nicht die Beziehungen zur Arbeiterschaft vermitteln, die sie nur für ihre Zwecke ausnutzen würden. Die Christlich-Sozialen vor allem gehen nur auf den Gimpelfang aus!« Es war, als ob ich Wanda Orbin sprechen hörte. Aber ich konnte nicht anders, als ihr recht geben. Halb mißbilligend, halb verwundert sah Frau Wiemer, die andrer Ansicht war, mich an, und beim Weggehen sagte sie mit einem gereizten Ton in der Stimme. »Sie stellen sich auf ihre Seite — nach allem, was ich Ihnen von ihr erzählt habe?!« Die Reihe, zu staunen, war jetzt an mir: »Hier handelt es sich um die Sache, — nicht um die Person!«
Auf der Heimfahrt fühlte ich mich plötzlich sehr unwohl. War es der Tabaksqualm, den ich nicht vertragen konnte, war es die feuchte Nachtluft, — ich kam nur schwer die steilen vier Treppen hinauf und warf mich angekleidet aufs Bett. Heinrich zündete das Nachtlämpchen an. Es glühte auf dem Tisch wie ein verirrter Stern, — und die meergrünen Wände waren wie ein milder Sommerabendhimmel, auf den das rote Glas der Lampe rosige Wölkchen malte. Heinrich nahm mir die Schildpattkämme aus den Haaren —, mein Kopf wurde freier; er zog mir Schuhe und Strümpfe aus und rieb meine eiskalten Füße zwischen seinen Händen, von denen wohlige Wärme mir durch den ganzen Körper strömte. »Ist dir jetzt besser, mein Schatz?« fragte er besorgt mit dem weichsten Ton seiner Stimme. Ich sah ihn dankbar an —, dabei blieb mein Blick über seine Schulter hinweg an einem Bilde haften; ich hatte es selbst dorthin gehängt, ich wollte es immer vor Augen haben, ich hatte verlegen gelächelt, als Heinrich wissen wollte, warum. Und jetzt — in glückseligem Erschrecken preßte ich beide Hände aufs Herz —: glänzte nicht in den tiefen Dichteraugen des lockigen Ganymed von Watts ein Funken lebendigen Lebens? Ich sank in die Kissen zurück, Tränen strömten mir aus den Augen, — war's möglich, daß ich vor der Erfüllung meiner tiefsten Sehnsucht stand?!
Am nächsten Morgen kam die Ärztin. Sie lachte über die Erregung, mit der ich sofort und ganz sichere Auskunft von ihr haben wollte, und sagte nichts anderes als: »Vielleicht!« Ich klammerte mich an dies Vielleicht, ich drehte es jeden Tag hundertmal hin und her, ob es sich nicht doch in ein Gewiß verwandeln könnte. Allerhand gespenstische Vorstellungen quälten mich: als hätte die Frau, die mir hatte Platz machen müssen, eine geheimnisvolle Macht über meinen Schoß, als könnten ihre Raubtierhände das Fünkchen Leben zerdrücken. Mein Mann wurde heftig und schalt meine Torheit, wenn ich von meinen Ängsten sprach. So war ich denn ganz allein mit ihnen. Hätte ich nur eine Freundin, — oder eine Mutter —, dachte ich oft.